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Digitaler Stress (2): Rushing Woman Syndrom. Was Dauerstress mit der Gesundheit von Frauen macht

Von Doreen Brumme

Dr. Libby Weaver ist Biochemikerin. In ihrer Heimat Australien und in Neuseeland gelte sie mit mehr als zehn Büchern zudem als „Rockstar“ unter den Ernährungswissenschaftlern, hörte ich, als Dr. Libby, wie sie dort auch genannt werde, ihr neues Buch „Das Rushing Woman Syndrom. Was Dauerstress mit unserer Gesundheit macht“ in Hamburg vorstellte. Für das Blog Demokratie 4.0 habe ich Dr. Weaver im Anschluss an die moderierte Buchvorstellung interviewt. Lest hier, wie der weibliche Körper und die weibliche Seele auf Stress, auch digital initiierten, reagieren und welche Schritte die Stressexpertin empfiehlt, um das Hamsterrad zu entschleunigen, anzuhalten und daraus auszusteigen.

Vor dem Treffen mit Dr. Libby: I’m a Rushing Woman – Selbsttest

In Vorbereitung auf den Termin mit Dr. Weaver habe ich selbstverständlich das Buch von ihr quergelesen. Darin findet sich gleich zu Beginn ein Selbsttest in Form einer Checkliste mit 40 Anhaltspunkten, der helfen soll, festzustellen, ob ich am Rushing-Woman Syndrom leide. Darunter finden sich Aussagen wie: Die Frau im Dauerstress …

  • antworte „viel zu tun“ oder „gestresst“, wenn man sie frage, wie es ihr gehe,
  • neige zu Überreaktionen, selbst wenn sie es äußerlich nicht zeige,
  • könne sich nicht ruhig hinsetzen, sonst fühle sie sich gleich schuldig … außer wenn sie völlig übermüdet sei … dann setze sie sich hin, fühle sich aber immer noch schuldig,
  • mache sich Vorwürfe, sie wäre als Frau/Mutter/Freundin nicht gut genug

Ich hatte deutlich mehr als sieben Übereinstimmungen – und wurde von Dr. Libby somit im Club der Rushing Woman willkommen geheißen. Auch wenn dies keine Krankheit ist, Wohlbemerkt mit den Worten: „Beim Abstieg vom Stressberg bilden die hier empfohlenen Maßnahmen das perfekte Geländer.“

Das Gruppentreffen mit Dr. Libby

Nach dem eindeutigen Testergebnis waren meine Erwartungen an die angekündigte Hilfe groß. Stress ist Teil meines Lebens, uns verbindet eine Hassliebe. Ich war sehr neugierig auf Erkenntnisse zur biochemischen Wirkung von Stress. Aus welchen Gründen auch immer die anderen Journalisten, Blogger & Co. zum Gruppentreffen mit Dr. Libby erschienen, sie waren zahlreich und Großteils weiblich. Das Thema Stress, insbesondere Dauerstress scheint wichtig und bewegt offensichtlich so manchen Schreiber.

Der moderierte Dialog

Nach einer kurzen Vorstellung stieg Dr. Weaver direkt ins Thema ein. Zuerst nannte sie Symptome wie Schlaflosigkeit, Übergewicht, sexuelle Lustlosigkeit, Regelprobleme und ungewollte Kinderlosigkeit, die Frauen ihr in Beratungssituationen vortrugen. Sie führt diese auf Stress zurück, der

  • sich biochemisch auswirke und damit alle körperlichen Prozesse beeinflusse (Stichworte: Östrogen und Testosteron)
  • von Ernährung buchstäblich genährt werde
  • und auch unsere Emotionen im Griff habe.

Die Frau im Dauerstress beschreibt Dr. Libby als „stets in Eile“. Jede Sache sei ihr „wichtig“. Stress sei ihr zufolge entweder tatsächlich begründet oder selbst gemacht. Die meisten dauergestressten Frauen seien 30, 35 und älter. Sie stünden fest im Leben und begännen, Verantwortung zu übernehmen: im Job und daheim, in einer Beziehung, mit Kindern.

Libby_Eile

Das Aufkommen von Dauerstress als ernstzunehmende Gefahr für die Gesundheit sei zwar nicht auf Frauen beschränkt, doch, so Dr. Libby, wären Frauen davon wegen ihrer traditionellen Rollenentwicklung in der Gesellschaft und ihrer weiblichen Biochemie in noch nie dagewesener Weise und anders betroffen als Männer. Sie erklärt das so: Während Männer es gewohnt seien, zur Jagd (Arbeit) zu gehen und sich danach (biologisch) auszuruhen (in der Höhle am Feuer oder auf dem Loungesofa), beginne für viele Frauen nach der Arbeit die zweite Schicht mit Haushalt, Küche und Kindern. Wir Frauen von heute seien die erste Generation, die diese Art von Dauerstress erlebe. Hinzu komme der Anspruch, mit dem viele von uns aufgewachsen seien und den wir nach wie vor an uns selber stellen würden: „to be a good girl“. Die „good-girl-attitude“, der Wunsch, geliebt zu werden, begründe Dr. Libby zufolge unser Stressverhalten wesentlich, denn Frauen würden ihr ganzes Leben danach trachten, der Welt, insbesondere aber ihren Eltern, zu zeigen, dass sie ihren Aufgaben gerecht würden.

1st Note to myself: Ich muss den Zuspruch an meine Kinder, insbesondere die Mädchen, „Du kannst alles machen!“, überdenken. Ist er nicht auch ein Stressauslöser, gleichwohl er zur Steigerung des Selbstbewusstseins gedacht ist?

Dr. Libby schilderte als Nächstes, wie Stress uns biochemisch krank macht. Auf Stress, ganz gleich, ob echter oder eingebildeter, reagiere unser Körper wie bei einem Schock: Der Blutdruck steige, das Blut ströme in Arme und Beine, nach wie vor: um uns zur Flucht zu befähigen, und damit weg von den Organen, darunter dem Verdauungstrakt (daraus resultieren Verdauungsprobleme) und dem Fortpflanzungssystem (daraus resultieren Fruchtbarkeitsstörungen), und der Adrenalinspiegel steige. Wir bräuchten in dem Stressmoment Energie, die gewinne unser Körper gewöhnlich aus zwei Kraftstoffen, bei Stress leider weniger aus Fett als aus Glykose.

Spannend finde ich auch die folgende emotionale Herangehensweise an Stress: Denn Dr. Libby zufolge, die in uns Frauen

  • sowohl den männlichen Part sieht, der insbesondere auf Herausforderungen reagiere,
  • als auch den weiblichen, der im Leben vor allem all unsere zwischenmenschlichen Interaktionen und Beziehungen am Laufen halte,

versetze Dauerstress uns in eine andauernde (Gefühls-)Lage der Herausforderung. Wir ließen damit dem männlichen Part viel Raum.

Das Gruppengespräch

Die Ausführungen von Dr. Weaver warfen eine Menge Fragen auf. Um Denkanstöße zu liefern, will ich nur auf einige davon eingehen. Auf die Frage, wie frau die eingangs erwähnten ständigen Schuldgefühle (Stichwort: Unzulänglichkeit) loswerden könne, antwortete die Stressexpertin: Stress ist ein anderer Ausdruck für Angst. Er rühre demnach aus Sorge und Angst, das frau nicht genüge, ihre Leistung nicht reiche, um dafür – von wem auch immer – geliebt zu werden. Er rühre also aus Sorge und Angst darüber, was andere von einem denken würden. Eine andere Frage fand ich als 4fach-Mutter interessant: Was passiert mit unseren Söhnen und Töchtern, wenn wir ihnen den Lifestyle einer Rushing Woman vorleben? Auch hier weist Dr. Libby auf die größte Angst eines jeden hin: Nicht gut genug zu sein. Sie rühre aus der Tatsache, dass wir als zu 100 Prozent von anderen abhängige Neugeborene nur ‚geliebt‘ überleben. Als Erwachsene müssten wir lernen, dass wir auch ohne die Liebe anderer überleben können.

2nd Note to myself: Liebe ist nicht leistungsabhängig. Das muss ich mir und meinen Kids noch stärker betonen!

Dr. Libbys Tipps gegen ein Stresstrauma im Hamsterrad

Ich liefere euch hier die Liste aller Tipps gegen Stress, die ich in den anderthalb Stunden mit Dr. Libby notiert habe – mehr davon findet ihr im Buch!

  • Nimm dir morgens 20 Minuten Zeit / Raum für einen Spaziergang! genieße die frische Luft und den Marsch.
  • Versuche Dich kennenzulernen! Reflektiere dich! Wer bist du?
  • Koffein wie in Kaffee ist purer Stress! Der Körper unterscheide nicht, ob frau einem Tiger gegenüberstünde oder ihre to-do-Liste lese und dabei einen Kaffee trinke.
  • Apropos to-do-Liste: Lies sie nicht im Bewusstsein, dass du sie heute abarbeiten musst, sondern, dass du es tun willst!
  • Frag dich, warum du eine vermeintliche Stressituation als Stress empfindest. betreibe ausgiebig Ursachenforschung!
  • Achte auf deine Ernährung! Iss viel Gemüse!
  • Zieh dich um, wenn du von der Arbeit nach Hause kommst. Zünde eine Kerze an! Koch dir Tee in einer schönen Tasse! Genieße die weibliche Seite von dir und lass ihr freien Lauf.
  • Beweg dich, treibe Sport! Aber bitte ohne, dass du dir mit dem Anspruch an Bewegung gleich neuen Stress bereitest!
  • Achte auf deine Atmung! Stress atmet flach! Flachatmung steigert den Adrenalinspiegel.

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Wie entstresst Dr. Libby ihr eigenes Leben?

Die mir wichtigste Message, die ich aus Dr. Libbys Mund mitnehme, kam rüber, als die Stressexpertin nach ihrem persönlichen Rezept gefragt wurde, ungesunden Stress aus ihrem Leben möglichst rauszuhalten. Dr. Libby sagte, ihr Leben sei zwar voll und sehr bewegt, aber nicht stressig. Dafür tue sie viel. Sie beschrieb zunächst,

  • dass sie sehr viel Grünzeug esse, auch in Form von zu Pulver verarbeiteten Pflanzenteilen (Stichwort: Green Powder),
  • dass sie sehr bewusst atme
  • und (jetzt kommt’s!) dass sie dankbar sei. Dankbar für Zugang zu frischer Luft, gutem und gesundem Essen, für ihre Familie …

Wortwörtlich sagte Dr. Libby: „Stress und Dankbarkeit herrschen nicht gleichzeitig“. Für mich heißt das: In Momenten, in denen ich dankbar bin, bin ich frei von Stress.

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Dr. Libby mit mir im Einzelgespräch: Ist digitaler Stress auch nur Stress?

Ihr habt es bemerkt, ich habe diesen Blogpost wie einen Beratungstermin mit und bei Dr. Libby formuliert. Denn so kam ich mir auch vor: Nicht nur als beobachtende und berichtende Journalistin mit der nötigen Distanz zum Thema, sondern auch als gerushte Frau. Ich lechzte persönlich nach Rat, weil ich ein Leben full of Stress lebe, den ich zwar oft als gesunden Eustress empfinde, aber eben auch häufig genug als andauernd seelisch und körperlich schmerzenden Disstress (siehe dazu den ersten Teil dieser Serie). Und natürlich war ich in einer „dienstlichen“ Mission unterwegs: Ich wollte herausfinden, welche Rolle Digitalität bei der Erzeugung von Stress spielt.

Geduldig wartete ich nach der Gruppensitzung auf mein persönliches Zusammentreffen mit Dr. Libby. Das entwickelte sich tatsächlich eher als Gespräch auf dem weißen Sofa denn als Interview. Die Frau war in ihrem Element: im Beratungsmodus. Ich stellte mich und mein Anliegen vor und … kam gar nicht weit, weil Dr. Libby mir ihre Hand auf den Arm legte und mich persönlich in ein Gespräch zog.

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Auch digitaler initiierter Stress, so sagte sie mir, sei für den Körper als solcher schädlich. Wobei es immer darauf ankomme, inwieweit wir den Stress als Disstress empfinden würden. Sind wir beispielsweise froh über die neuen Möglichkeiten, die die Digitalität uns eröffnet, oder nehmen wir diese nur als weiteren Stress wahr? Hinzu käme, dass Digitalität in Form von „digital devices“ eine technische Seite besäße, deren Auswirkungen auf den Körper längst nicht in aller Tiefe bekannt seien. Insofern sei digital verursachtem Stress in Unkenntnis dessen nicht nur mit der Reflexion seiner Wirkung auf biochemischer Ebene zu begegnen, sondern auf ganzkörperlicher. Hier wies Dr. Libby daraufhin, dass die Wirkung des Monitorlichts, der Funksignale, der oft über Kopfhörer empfangenen Geräuschkulisse von MP3-Player & Co. auf unseren Körper durchaus weiterer Forschung bedarf. Sie sei gespannt, was da an Erkenntnissen noch komme. Bis dahin riet sie mir, sollte ich mit digitalem Stress genauso zu verfahren wie mit „analogem“: Es komme in jeder digitalen Stresssituation auf meine Wahrnehmung an – und auf die Konsequenzen, die ich daraus zöge.

Drei Wochen danach

Insbesondere auf meine Atmung achte ich seitdem bewusster. Und ich konzentriere mich häufiger darauf, dankbar zu sein für das, was ich bin und was ich habe. Euch empfehle ich an dieser Stelle die Lektüre von Dr. Libbys Buch. Es hilft, innezuhalten, das Hamsterrrad und sich selbst darin zu hinterfragen. Allein das lässt das Rad langsamer werden. Selbst gemacht, selbst erlebt. Ich wünsche euch: Viel (Selbst-)Erkenntnis bei der Lektüre!

Infos zum Buch: Dr. Libby Weaver: „Das Rushing Woman Syndrom. Was Dauerstress unserer Gesundheit antut“, TRIAS Verlag, Stuttgart 2017, ISBN Buch: 9783432104331, ISBN E-Book: 9783432104355, Preis Buch: 19,99 Euro (D), 20,60 Euro (A), Preis E-Book: 15,99

Fotos: Doreen Brumme

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Die Kehrseite der Digitalität: Digitaler Stress (1)

Von Doreen Brumme

Wir setzen uns hier auf dem Blog mit Demokratie 4.0 auseinander. Dazu gehört auch, aufzuzeigen, welche Nebenwirkungen der digitale Lifestyle politischen Systemen bringt. Digital initiierter Stress ist so eine Nebenwirkung, der sich kaum einer erwehren kann: weder der gewählte politische Akteur, noch sein stimmgewaltiger Wähler. Grund genug, sich mit Stress im Allgemeinen und digitalem Stress im Besonderen zu beschäftigen. Was digitaler Stress ist, soll dieser erste Artikel dieser kleinen Reihe klären.

Was ist Stress?

Wir geraten unter Stress, wenn wir von inneren und äußeren Reizen oder Belastungen beansprucht werden. Die Beanspruchung ist nach dieser Stressdefinition also eine Auswirkung der Reize oder Belastungen. Wobei die Reize und Belastungen unterschiedlicher Natur sein können:

  • natürlich oder künstlich,
  • biotisch oder abiotisch
  • und physisch oder psychisch.

Wir empfinden die Reize und Belastungen positiv oder negativ. Ihre Wirkung hat entsprechende Vorzeichen. Unser Umgang damit, variiert von Mensch zu Mensch und ist abhängig von unseren individuellen Eigenschaften, darunter auch unserer Gesundheit, und unseren kognitiven Fähigkeiten. Und mögliche Reaktionen darauf sind:

  • Aggression,
  • Flucht,
  • Verhaltensalternativen,
  • Akzeptanz, Änderung von Konditionen
  • oder Leugnung der Situation.

Disstress und Eustress

Man unterscheidet positiven (Eustress) von negativem Stress (Disstress). Ersterer entsteht als Reaktion auf Stressoren, die unseren Organismus zwar beanspruchen, aber förderlich wirken. Wir werden zum Beispiel aufmerksamer und leistungsfähiger. Wikipedia beschreibt folgende Eustress-Situation:

„Eustress trete demnach beispielsweise dann auf, wenn wir zu bestimmten Leistungen motiviert seien und Zeit und Möglichkeiten hätten, uns darauf vorzubereiten. Oder wenn wir eine Krisensituation oder Krankheit positiv angegangen seien, bewältigt und überwunden hätten.“

Im Ergebnis dessen könnten wir sogar Glücksmomente empfinden. Eustress wirke sich demnach auch bei häufigem, längerfristigem Auftreten positiv auf die psychische oder physische Funktionsfähigkeit unseres Organismus aus.

Stress würden wir erst dann negativ empfinden, wenn er oft oder auf Dauer auftrete und körperlich und/oder psychisch nicht zu kompensieren sei. Er wirke dann unangenehm, bedrohlich oder überfordernd. Beispiele seien anstehende Klausuren ohne Zeit oder Fähigkeit zum Lernen, eine trotz Ärztebesuch unklare Diagnose oder eine nicht anerkannte Erkrankung sowie eine wegen Lärms unerträgliche Wohnung ohne die Möglichkeit zum Umzug.

Wirkung von Eustress vs. Disstress

Infolge von Disstress erhöht sich die Anspannung unseres Körpers. Wir schütten Neurotransmitter und Hormone aus, darunter Adrenalin und Noradrenalin, und unsere Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit nehmen unter dauerhaftem Disstress ab. Wichtig: Disstress schadet unserem Organismus dann, wenn die Beanspruchung über den Bereich der gemäß unserer individuellen Physis und Psyche möglichen Anpassung und Reparaturfunktionen hinaus erfolgt. Dann führt Stress zur Beeinträchtigung des Stoffwechsels. Er behindert damit die natürlichen Reaktionen unseres Immunsystems auf Einwirkungen aller Art.

Die Liste möglicher Reaktionen auf Stress ist lang, dennoch gehört sie, zumindest ihre Schwerpunkte bei Erwachsenen, hierher:

  • Gehirn: Abbau von Gehirnmasse, Einschränkung der Emotionalität, Durchblutungsstörungen im Gehirn,
  • Gefühle: Traurigkeit, Verlustangst, Ärger, Schuld, Vorwürfe, Angst, Verlassenheit, Müdigkeit, Hilflosigkeit, „Schock“, Jammern, Taubheit, Leere, Hoffnungslosigkeit, Deprivation, Demütigung, Steigerung des aggressiven Verhaltens, Bewegungsdrang, Gereiztheit, emotionsloses Denken,
  • Kognition: Ungläubigkeit, Verwirrung, Vorurteile, Konzentration, Halluzinationen, Depersonalisation, Vergesslichkeit,
  • körperlich: Schwitzen, Übelkeit, Enge in Kehle und Brust, Übersensibilität bei Lärm, Atemlosigkeit, Muskelschwäche, Verspannung von Muskeln, Mangel an Energie, trockener Mund, Magen- und Darmprobleme, zeitbedingte Impotenz, Haarausfall, schlechtes Hautbild, rötliche Augen, verminderte Mimik, Herzstechen, Hörsturz, Gelenkschmerzen, Hautausschlag, Schwächung des Immunsystems, Magnesium- und Kalziummangel, langfristige Störung des Verdauungsprozesses sowie erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt
  • Verhalten: Verminderte Kreativität, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Geistesabwesenheit, sozialer Rückzug, Träume über das Ereignis, Vermeidung von Nähe zu Tatort oder ähnlichen Situationen, Seufzen, Aktivismus, Weinen, Hüten von „Schätzen“.

Was ist digitaler Stress?

Der Auslöser digitalen Stresses ist die Digitalität. Klingt zu abstrakt? Dann schreibe ich statt Digitalität digitale Welt. Und meine damit digitale Informations- und Kommunikationstechnologien, ausgelegt als Software und Hardware. Professor Dr. Leonard Reinecke hat Digitalen Stress im Denkraum für Soziale Marktwirtschaft definiert: Demnach brächten neue Informations- und Kommunikationstechnologien sicherlich „ein großes Maß an Bereicherung und Autonomie“ mit sich. Mindestens im gleichen Maße würde davon jedoch unser Handlungsspielraum eingeschränkt. Die ständige Erreichbarkeit bedeute, dass wir immer stärker mit Informations- und Kommunikationsanforderungen konfrontiert seien. Das Ergebnis sei digitaler Stress. Er entstehe zum einen infolge der Menge an Informationen, die wir mit digitalen Technologien bekämen. Zum Beispiel, wenn mehr Nachrichten auf uns hereinprasseln, als wir verarbeiten können. Oder wenn wir mehrere Medien gleichzeitig nutzen. Zum anderen gebe es psychologische Mechanismen wie sozialer Druck und die Erwartung, eingetroffene Nachrichten sofort zu beantworten, sowie die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen, sobald man das Smartphone nicht ständig im Blick behalte. Professor Reinecke sagt: „Unsere Forschung zeigt auch, dass sich digitaler Stress negativ auf die Gesundheit auswirkt und das Risiko von Depressionen und Burnout erhöhen kann.“

Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass Forscher des Bonner „Menthal Balance“-Projekts, die via eine App das Verhalten von 60.000 Smartphone-Nutzern beobachten, bereits herausgefunden hätten, dass jeder Nutzer pro Tag im Schnitt 88-mal das Smartphone einschalte, davon 35-mal, um die Uhrzeit zu checken oder nach neuen Nachrichten zu schauen. 53 Mal werde das Smartphone zum Surfen, Chatten oder um eine andere App zu nutzen, eingeschaltet. Alle 18 Minuten unterbrachen die freiwilligen Probanden der Studie ihre Tätigkeit, um online zu sein.

Der Ärztin und Stressexpertin Dr. Sabine Schonert-Hirz zufolge bedeute jedes einzelne der 88 Male für unser Gehirn, dass ein neues neuronales Netzwerk angesteuert und aktiviert werde. Jedes Mal werde Energie in Form von Glukose (Einfachzucker) verbraucht, würden Botenstoffe benötigt, würden kleine elektrische Impulse erzeugt. Ein aufwendiges Geschehen, das fehleranfällig sei und uns erschöpfe. Digitaler Stress mache uns demnach fehleranfällig: Werde das Gehirn ständig aus der gerade laufenden Informationsverarbeitung, dem Denken, gerissen, gehe ein Teil der Netzwerkaktivierung, sprich: der Inhalte, verloren. Ständige „digitale Unterbrechungen“ machten uns vergesslich, wir könnten nicht mehr alles in Ruhe durchdenken. Dadurch komme es zu schlechten Entscheidungen oder unkreativen Lösungen. Gleichzeitig würden wir unseren Stresspegel erhöhen, immer nervöser und unkonzentrierter werden. Manche entwickeln laut Dr. Schonert-Hirz regelrechtes Suchtverhalten und bekämen Angst, wenn sie nicht ständig auf das Smartphone schauten.

Und nicht nur das: Gute Arbeit, so die Stressexpertin, brauche Denktiefe. Neue Produkte und gute Ideen bräuchten demnach kreative Prozesse, die nur dann optimal liefen, wenn die Suchmaschinen unseres Gehirns Zeit hätten, im letzten Winkel unserer Hirnrinde eine Information zu finden, die das Problem endlich gut löst: Wir bräuchten eben nicht nur die für unseren digitalen Lifestyle typische schnelle digitale Kommunikation, die durchaus Zeit spare und uns rasch mit allen nötigen Infos versorge, sondern auch ruhige, ungestörte Denkzeiten.

Digitaler Stress – ein Suchtauslöser?

Dass wir heute kaum die Finger vom Smartphone lassen können, sehen die einen als Zeichen einer Sucht, während andere gegen diese These angehen. Bert te Wildt ist der Leiter der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bochum. Er argumentiert im Spiegel, dass das Handy ein kleiner Computer sei, den wir immer bei uns trügen. Und deshalb ließen sich die Ergebnisse aus der Internetsuchtforschung größtenteils auf das Smartphone übertragen. Der Experte gehe laut dem Spiegel davon aus, dass beim Scrollen über den Handyscreen die gleichen Stoffwechselvorgänge im Gehirn aktiviert würden wie bei Drogensüchtigen: „Die ständige Kommunikation mit Freunden oder Arbeitskollegen über soziale Medien wie Facebook scheine dabei das größte Suchtpotenzial auszumachen. Denn dort erhalten wir Aufmerksamkeit und Anerkennung“, sagte te Wildt.

Fazit:

Dem Diktat des digitalen Lifestyles kann sich kaum ein Zeitgenosse entziehen. Nicht der, der Politik macht, und nicht der, in dessen Auftrag Politik gemacht wird. Wenn digitaler Stress aufkommt, dann resultieren daraus immense Folgen, die das Denken und Handeln des Betroffenen wie beschrieben maßgeblich beeinflussen. Doch während Fehlentscheidungen, die in digital initiierten Stresssituationen getroffen werden, dem Otto-Normal-Bürger wegen geringerer politischer Schwere noch verziehen werden, sind sie in der großen Politik in der Regel unverzeihlich.

Als Politologin sehe ich einen Politiker als Menschen. Ein Mensch, der Privatsphäre braucht wie du und ich. Zum Auftanken der geleerten Batterien. Zum Leben und Lieben. Zum Lachen und Weinen. Zum Verzweifeln und Hoffen. Zum Trauern und Träumen. Die digitale Allgegenwärtigkeit nimmt Menschen, die wie Politiker unter öffentlicher Beobachtung stehen, viele Gelegenheiten dazu. Das bleibt nicht folgenlos.

Ein digital gestresster Politiker gerät mit seiner Fehlentscheidung heute in einen mir teuflischer anmutenden Kreis als ein Otto-Normal-Bürger. Denn Digitalität bedeutet nicht nur ständige Erreichbarkeit für Belange des auszufüllenden politischen Amtes, sondern auch ständige Sichtbarkeit. Nichts bleibt heute ungesehen: Kein Dösen in der stundenlangen Bundestagssitzung, keine Meinungsäußerung am Rednerpult oder zwischen Tür und Angel des Plenarsaals, kein Post im Facebook-Profil und kein dem Nachbarn dahingeworfener Satz auf dem Weg zur Mülltonne. Ein Politiker steht heute nicht mehr nur im Fokus der Medienkameras, sondern jedes Smartphonebesitzers, der ihn als Politiker erkennt und sein Reden und Tun in Wortlaut, O-Ton und Bild (bewegt der unbewegt) festhält und der Öffentlichkeit zuträgt. Jedes Wort bekommt politisches Gewicht, ganz gleich, ob lange durchdacht oder unbedacht gesagt.

Ich will hier nicht darüber schreiben, dass das politische Amt ein selbstgewähltes Schicksal ist. Vielmehr will ich auf die Seite der Digitalität hinweisen, die jeden zum Sender und Empfänger von Information im weitesten Sinn und politischer Information im engsten macht. Sie erhöht damit die Teilhabe aller am politischen Geschehen. Großartig! Zugleich trägt sie so jedoch zur Steigerung von digitalem Stress bei. Denn sie nimmt uns allen, insbesondere aber den Entscheidern, Gelegenheiten, zu denken. Nachzudenken. Und in Ruhe zu entscheiden.

Nun möchte ich keineswegs die Zeit ins Analoge zurückdrehen. Nein, dafür bin ich viel zu sehr eine digitale Woman. Doch ich will Wege aufzeigen, aus dem digitalen Stress herauszukommen. Darum geht es im kommenden Artikel um das „Rushing Woman Syndrom“ im Allgemeinen und dessen digitale Ursachen im Besonderen. Seid gespannt auf mein Interview mit Dr. Libby Weaver aus Australien zum Thema, die mir den einen und anderen Tipp mit auf den Weg aus dem digitalen Stress gegeben hat.

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I’m a Digital Woman by heart!

Von Doreen Brumme

So. Nun ist es raus. Ich habe mich als Digital Woman geoutet. Und nicht nur das: Ich gebe zu, ich bin herzlich gerne eine sogenannte digitale Frau. Warum ich das bin und was mein Outing mit dem Blog Demokratie 4.0 zu tun hat, das erkläre ich euch im Folgenden.

Hier schreibt eine digital woman on the blog

Das Attribut digital, das ich dem Wort Frau zugeordnet habe, kennzeichnet eine Facette der Rolle, die ich in unserer Gesellschaft erfülle. Es zeigt, dass ich Teil der digitalen Welt bin, weil ich digital lebe. In meinem Fall heißt das konkret: Ich bin Sender und Empfänger digitaler Informationen. Ich habe von mir bezahlbaren Zugang zu digitalen Endgeräten wie Smartphone, Tablet, Laptop, TV, Radio & Spielekonsolen. Ich eigne mir Tag für Tag Wissen im Umgang mit Hard- und Software an und sammle meine Erfahrungen damit.

Ich benutze die digitale Welt zu unterschiedlichen Zwecken: Allen Voran zum Geldverdienen. Aber ich gehe ins Netz auch zur Unterhaltung und zur Entspannung (Stichwort: well-net). Ich verbringe demnach täglich viele Stunden in der digitalen Welt, also online, die meisten davon des Geldverdienens wegen.

Als Großteils Onlinejournalistin und Bloggerin hier und anderswo im Netz bin ich jemand, der zu den Dingen unserer Welt, die längst digital ist, Stellung bezieht. Ich zeige damit, wo ich stehe, welchen Standpunkt ich einnehme. Das ist möglich, weil ich Teil einer Demokratie bin, in der freie Meinungsäußerung zu den höchsten Gütern zählt. Auch unsere Demokratie ist eine zunehmend digitale Sache. Nicht ohne Grund heißt dieser Blog Demokratie 4.0. Demokratie ist eine Sache, die es inzwischen analog wie digital mit Inhalt zu füllen gilt. Die es analog wie digital zu reflektieren und zu diskutieren gilt. Und die es analog wie digital zu erhalten gilt. Von jedem von uns, der dank und mit ihr ein Zuhause hat.

Ich würde deshalb gerne diesen Blog nutzen, um mit euch, Frauen wie Männern, über die Rolle der digitalen Frau im Speziellen – und damit über die Rolle von Frau und Mann in der digitalen Welt – zu diskutieren. Es geht mir dabei unter anderem um Themen wie diese:

  • Digital Divided – wo verläuft die digitale Kluft in der Welt?
  • Demokratie 4.0 – ein Stoff zum Lernen?
  • Facebook & Co. – sind Social Media digitale Mittel zur Selbstbefreiung der Frau?
  • Digitales Leben – wird es mit Digitalität demokratischer?
  • Digitale Sucht – wo beginnt sie?
  • Rushing Woman Syndrom – ist es die Kehrseite der auch digital „befreiten“ Frau?
  • Digitale Mutter – was ist digitale Kompetenz und wie viel davon gebe ich an meine Kinder weiter?

Seid Ihr dabei? Dann will ich zum Einstieg in die kommenden Diskussionen mit dem Thema „Digital Divide“ den aktuellen Status quo in Sachen Internetnutzung weltweit im Allgemeinen und Internetnutzung von Mann und Frau weltweit im Speziellen auf den Blog heben.

Unsere Welt ist digital divided

Mit dem Begriff, der sich mit „digitaler Kluft oder Spaltung“ ins Deutsche übersetzen lässt, wird der ungleiche Zugang verschiedener Bevölkerungsgruppen zu den Informations- und Kommunikationstechnologien beschrieben, der auf den unterschiedlichsten Ebenen auszumachen ist.

Digital Divide auf globaler Ebene

Global betrachtet, gibt es eine solche digitale Kluft zwischen den Industrienationen und den sogenannten Entwicklungsländern. Den Unterschied macht hier einerseits der fehlende Zugang zu den Technologien.

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Quelle: Tortendiagramm von hier: http://www.internetworldstats.com/stats.htm

Folgende Zahlen dazu habe ich im Netz gefunden: Mehr als die Hälfte der Menschen weltweit sei ohne Internetzugang. Das ist das Ergebnis eines von UNESCO und ITU (Internationale Fernmeldeunion in Genf) – der Breitbandkommission für digitale Entwicklung 2016 – veröffentlichten Breitbandberichts 2016. In 91 Ländern weltweit seien demzufolge über 50 Prozent der Bevölkerung online, Tendenz steigend. Die Länder, in denen die meisten Haushalte mit dem Internet verbunden seien, lägen demnach Großteils in Europa. Eine Ausnahme bilde Südkorea als Spitze des Länderranking mit 98,8 Prozent. Es folgten Luxemburg mit 96,8 Prozent, Norwegen mit 96,6 Prozent und Island mit 96,6 Prozent. Deutschland liege mit 90,3 Prozent auf Rang 13. Die niedrigsten Internetnutzungsraten ließen sich laut dem Bericht in Subsahara-Afrika finden. In zahlreichen Ländern würden weniger als drei Prozent der Bevölkerung das Internet nutzen, darunter Tschad (2,7 Prozent), Sierra Leone (2,5 Prozent), Niger (2,2 Prozent), Somalia (1,8 Prozent) und Eritrea (1,1 Prozent).

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Quelle: http://www.itu.int/en/ITU-D/Statistics/Documents/facts/ICTFactsFigures2016.pdf

Die fehlende Verfügbarkeit von für die Internetnutzer relevanten Inhalten macht andererseits den Unterschied aus. Das heißt zum Beispiel, dass Inhalte nicht in der Muttersprache der Nutzer verfügbar sind. Die Kluft resultiert aber auch aus dem Mangel  an Medienbildung, die Voraussetzung dafür ist, dass man bestehende digitale Möglichkeiten überhaupt adäquat nutzen kann.

Digital Divide auf sozialen und regionalen Ebenen

Neben der beschriebenen globalen digitalen Kluft, lassen sich weitere ausmachen, darunter auf

  • sozialer und regionaler Ebene
  • sowie in Bezug auf das Alter und des Geschlechts

Ganz wichtig ist mir, die digitale Kluft nicht nur als ein statisches Ergebnis der Digitalisierung unserer Welt zu betrachten, sondern auch als Ursache fortschreitender Spaltung: Sie führt schließlich zur Vergrößerung bereits bestehender Unterschiede zwischen wirtschaftlich besser gestellten Bevölkerungsgruppen, die in der Tendenz auch einen höheren Bildungsabschluss haben und solchen, die wirtschaftlich schwächer gestellt sind und tendenziell auch einen schlechteren Zugang zu Bildung haben.

Greifen wir uns mal die geschlechtsspezifische Kluft heraus: Das Statistik-Portal statista.de zeigt folgende aktuelle Zahlen für Deutschland:

Internetnutzer nach Geschlecht

Internetnutzer nach Geschlecht für Deutschland

Demnach steigt die Zahl der männlichen wie weiblichen Internetnutzer hierzulande seit Jahren in nahezu einträchtiger Parallelität. Doch wie sieht das in Ländern aus, wo Frauen (noch) nicht die Freiheiten genießen wie wir hier in der demokratischen Bundesrepublik Deutschland?

Dazu schreibt der Breitbandbericht, dass in allen untersuchten Ländern mehr Männer Zugang zum Internet hätten als Frauen. Besonders in Afrika, der arabischen Welt, Asien und den pazifischen Ländern würden demnach weniger Frauen auf Internetressourcen zugreifen, aber auch in Europa lägen die Raten mit 76,3 Prozent bei den Frauen und 82 Prozent bei der männlichen Bevölkerung deutlich auseinander.

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Damit haben wir einen Eindruck davon gewonnen, wie sie so ist – unsere schöne, neue, digitale Welt. Zerklüftet und gespalten, wohin man schaut. Lasst uns nach und nach gemeinsam ergründen, was die Ursachen dafür sind, wie sich die eine oder andere Kluft schließen ließe und was das für die Rolle von digital women hieße.

Ich freue mich auf unseren Austausch!