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Sind Sie ein Homo Digitalis?

Von Benjamin Kloiber

Wir alle arbeiten mit ihr, lernen mit ihr, verbringen unsere Freizeit ihr, nehmen sie mit auf Familienfeste – und sogar an hohen Feiertagen darf sie nicht fehlen: Digitale Technik. Vielen ist gar nicht bewusst, wie sehr sie unser Leben in den letzten Jahren verändert hat. Völlig natürlich kommt es uns vor, wenn wir in der U-Bahn im Internet surfen oder den Computer am Schoß oder in der Hand liegen haben, anstatt auf einem massiven Tisch. Doch das Ende dieser zunehmend rascher werdenden Entwicklung ist noch nicht annähernd erreicht. Wie sieht es mit Ihnen aus? Sind Sie bereits ein Homo Digitalis?

Vieles kling verheißungsvoll, einiges furchterregend. Der Bayrische Rundfunk, die Süddeutsche Zeitung, ORF, ARTE, die Bilderfest GmbH haben gemeinsam mit Ars Electronica sowie dem Fraunhofer Institut das Projekt Homo Digitalis gestartet. Es soll ergründet werden, inwiefern sich unsere Arbeit, unsere Freizeit und auch unsere Körper oder gar unsere Liebschaften im Zuge der Digitalisierung verändern. „Haben wir künftig Sex mit Robotern?“, lautet nur eine der provozierenden Fragen, die das Projekt aufwirft.

Es geht hier nicht nur um technische Entwicklung. Es geht um die Akzeptanz dieser Technik. Womöglich könnten wir in ein paar Jahren dank eines Chips im Hirn deutlich leistungsfähiger sein, Krankheiten könnten nicht nur sofort und überall erkannt werden, sondern sogar bekämpft. Doch sind wir bereit, Cyborgs zu werden? Und vor allem: Wer kann aller ein Cyborg werden? Eine drastische Verlängerung der Lebenserwartung ist möglich. Doch wer kommt in den Genuss davon? Alle, oder nur jene, die es sich leisten können?

Fragen über Fragen. Auf viele Thematiken geht das Projekt ein. Auf einige auch nicht. Doch sehen Sie selbst. Machen Sie den Selbsttest und schauen Sie selbst, wie aufgeschlossen Sie den zum Teil krassen Veränderungen gegenüberstehen, welche die digitale Revolution bringen könnte.

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Die Rolle der Digitalisierung im Wahlkampf

Von Benjamin Kloiber

Ein intensiver und in vielen seinen Facetten elendiger Wahlkampf ist zu Ende. Viel ist schon geschrieben worden über Silberstein, Boulevard-Kampagnen, Beschattung, Face-Facebookseiten, Maulwürfe, dubiose Geldangebote. In einem Wort: Dirty Campaigning. Ich möchte auf eine andere Facette dieses Wahlkampfs eingehen: Digitalisierung.

Ein Kampf auf allen Kanälen

Digitalisierung ist das Thema, welches das Leben der Menschen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten am meisten verändern wird. Wie schnell alles gehen kann, sehen wir bereits an diesem Wahlkampf. Eine multimediale Schlacht war das – geführt auf allen Kanälen: Online wie Offline.

Gewinner dieser Auseinandersetzungen war überraschenderweise das Fernsehen. Die Zuseher wurden nicht müde, Duell um Duell, Elefantenrunde um Elefantenrunde zu sehen. Selbst dann, als offensichtlich war, dass einige der Kandidaten immer wieder dieselben Phrasen bringen.

Soziale Medien zur Selbstdarstellung

Aber die Kandidaten verließen sich nicht zur Gänze aufs Fernsehen. Die Spitzenkandidaten der Parteien haben sich in den letzten Jahren auf den Social-Media-Kanälen eine zum Teil große Reichweite aufgebaut. Der Vorteil gegenüber anderen Medien ist offensichtlich: Botschaften können ungefiltert transportiert werden – ohne den lästigen Nachfragen von Journalisten, die ja doch nie schreiben, wie toll der Kandidat denn eigentlich sei.

Diese Flucht in soziale Medien ist einigen Kandidaten gut bekommen. Mit einem Mix aus Stehsätzen und Bildern die suggerieren, dass es sich um einen herausragenden Mann der Geschichte handeln muss, der da vorne auf der Bühne steht und den Menschenmengen zuwinkt, ist es Sebastian Kurz gelungen, ein Narrativ zu erschaffen, dass bis zum Schluss nichts erschüttern konnte. Die Inszenierung als die zu Fleisch gewordene Veränderung war schier perfekt.

Auch Peter Pilz hat sich auf Facebook und Twitter eine Öffentlichkeit geschaffen, die ihm der ORF verwehrt hat. Eine Partei jedoch hat auf Facebook Wochen und Monate lang einen riesigen Kothaufen fabriziert, um dann im ungünstigsten Moment selbst hineinzusteigen. Der Lerneffekt war hoffentlich groß.

Digitalisierung war kein Wahlkampfthema

Doch all das – ob gut oder schlecht gelaufen – bewegt die Leute ab dem 15. Oktober kaum mehr. Stattdessen sind es die übrigen Facetten der Digitalisierung, welche Einfluss auf das Leben der Menschen nehmen. Und diese waren kaum ein Thema. Sporadisch fiel hier und da ein Satz, wie: „Die Digitalisierung muss in die Schulen einziehen.“ Ja, eh. Aber Programmierkurse und gratis Laptops alleine sind noch keine Jobgarantie in einer Zeit, in der ich meinen Einkauf zum Automaten anstatt zur Kassiererin trage.

Soziale Aspekte der Digitalisierung

Wie der Sozialstaat finanzierbar bleibt, wenn es zum digitalen Umbruch in einigen Branchen kommt? Ein Zukunftsthema, mit dem die Parteien die Menschen vor einer Wahl nicht belasten wollten. SPÖ und Peter Pilz schnitten das Thema zumindest an. Die Besteuerungsgrundlage könne nicht mehr vor allem auf Löhne aufbauen, sondern müsse erweitert werden. Vermögen könnten besteuert werden. Und große Erbschaften. Über eine Wertschöpfungsabgabe müsse man sich Gedanken machen. In der Zukunft. Irgendwann.

Natürlich ist es verständlich, dass die Parteien im Wahlkampf keinem Thema großen Platz einräumen, welches sie so wenig kontrollieren können wie die Digitalisierung. Im Umkehrschluss heißt das: Nach der Wahl – und möglichst lange vor der nächsten – ist der ideale Zeitpunkt für tiefgreifende Reformen. Das gibt Hoffnung. Ein wenig.

Schlappbluete

Beeinflusst Google, wen wir wählen?

Von Benjamin Kloiber

Die wenigsten von uns überweisen Google oder Facebook Geld. Dennoch gehören sie zu den wertvollsten Firmen dieser Welt. Sie brauchen gar kein Geld von uns. Wir füttern sie mit unseren Daten. Mit jeder Suchanfrage auf Google, mit jedem „Gefällt mir“ auf Facebook, mit jedem Einkauf bei Amazon verraten wir den Internetriesen, was wir denken, was wir fühlen, was wir wollen und wer wir sind.

Wir nutzen diese Dienste täglich. Manche sind regelrecht süchtig nach ihnen. Dennoch lieben wir die Internetgiganten nicht bedingungslos. Es ist vielmehr eine Hassliebe. Uns ist bewusst, dass Amazon den Händler um die Ecke verdrängt. Wir wissen, dass Google und Facebook trotz Milliardengewinnen kaum Steuern zahlen.

Wir sind Produkte

Und machen wir uns nichts vor. Wir sind nicht bloß deren Kunden und damit die Könige – wir sind auch deren Produkte. Google hält in der EU einen Marktanteil von über 90%. Wir können uns zwar einreden, dass wir mit unserer Suche im Web selbst entscheiden, was wir finden. Doch dann würden wir uns belügen. Google entscheidet – nicht wir.

Wettbewerb? Fehlanzeige!

Unsere Gesellschaft und die Gesetze sind nicht auf diese Übermacht einiger weniger Internetriesen eingestellt. Wettbewerb? Fehlanzeige! In einigen Bereichen konkurrieren diese Firmen vielleicht kurz miteinander. Doch der Markt scheint aufgeteilt. Wettbewerbshüter staunen bloß und nehmen diese Monopole reglos hin.

Werden wir manipuliert?

Der amerikanische Psychologe Rob Epstein warnt seit dem Jahr 2015 vom negativen Einfluss von Google und Facebook auf die Demokratie. Auch heuer legte er mit seiner Kritik nach und mokierte sich darüber, dass Google und Facebook für viele Leute entscheiden, welche Neuigkeiten aus welchen Quellen vorgesetzt werden. Auf der CeBIT-Messe vor zwei Jahren meinte Epstein: „Ganz egal, was das (Google-)Management für Absichten haben mag: Das Programm entscheidet schon heute über den Ausgang von Wahlen in aller Welt.“ Als Referenz bezog er sich auf Tests, die in Indien und den USA durchgeführt wurden. Diese haben gezeigt: Es reicht die Reihenfolge, in der Politiker bei Suchergebnissen auftauchen, um Wähler zu beeinflussen. „99 Prozent der Teilnehmer hatten keine Ahnung, dass sie manipuliert wurden“, sagte Epstein.

Google und Facebook entscheiden, was wir sehen

Google mag noch abstreiten, dass sie Einfluss auf Wahlen und die Demokratie im Allgemeinen nimmt. Bei Facebook ist man da schon ehrlicher. 2014 führte das Unternehmen mit 700.000 Versuchskaninchen (oder Nutzern) eine Art Psychotest durch. Eine Hälfte bekam vorwiegend positive Nachrichten von Facebook-Freunden zu sehen – die andere Hälfte negative. Die zwei Ergebnisse: Ja, Facebook konnte die Emotionen der Menschen steuern. Ein Teil der Leute war am Ende tatsächlich positiver gestimmt als der andere. Und zweitens: Den Nutzern war nicht bewusst, dass Facebook ihre Gedanken, ihre Emotionen steuerte.

Diese zwei Dinge sollten wir uns alle bewusst machen: Internetgiganten wie Google und Facebook können steuern, was wir sehen, denken und fühlen und sie haben es bereits gemacht. Das Zweite ist: Wenn es passiert, wissen wir es nicht. Beeinflussen Google und Facebook also, wen wir wählen. Ja, das tun sie. Steuern sie es auch? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Who knows?

 

 

Quellen:

http://www.rp-online.de/digitales/internet/rob-epstein-der-google-algorithmus-kann-die-demokratie-gefaehrden-aid-1.4950791

http://diepresse.com/home/wirtschaft/5271451/Gibt-uns-Google-was-uns-zusteht

Teichblueten

Parteien entdecken Digitalisierung – langsam

Von Benjamin Kloiber

Es ist so weit. Parteien haben Digitalisierung als politisches relevantes Thema erkannt. Zumindest einige Parteien – vorerst. Die SPÖ hat neulich ihr 12-Punkte-Programm zur Digitalisierung bekanntgegeben. Und sowohl Einleitung als auch Überschrift sind verheißungsvoll. „Geben wir der Digitalisierung eine soziale Agenda“, heißt es da. Und auch von „fundamentalen Veränderungen unseres Lebens […] – privat und im Arbeitsleben, sozial und kulturell“ ist die Rede.

Dies liest sich so, als hätte die SPÖ die Problematik, die von der Digitalisierung ausgeht verstanden. Als wüsste man, dass Digitalisierung nicht bloß mehr und schnelleres Internet heißt, das bloß mit genügend Breitband gefüttert werden muss, damit sie Ruhe gibt und die Menschen nicht weiter stört. Digitalisierung hat eine soziale Komponente, die bislang sträflich vernachlässigt wurde.

Der Plan der SPÖ

Die Punkte 1 bis 3 sind das gewöhnliche Blabla, wenn man irgendetwas zu Digitalisierung liest: Schüler sollen Computerkenntnisse erwerben, Lehrer auch – und am besten mit Gratis-Tablets und Gratis-Laptops. Feine Sache, aber so richtig tief dringt das noch nicht in die Materie ein. Die Punkte 4 bis 6 sind da wesentlich spannender. Eine Ausbildungspflicht bis 18 und eine Ausbildungsgarantie bis 25, sowie ein Rechtsanspruch auf Weiterbildung und Qualifizierungsgeld sind richtige Antworten auf den Wandel der Gesellschaft. Die Bildung- und Ausbildungszeit wird kontinuierlich länger. Immer mehr Menschen mit Lehre machen die Matura beziehungsweise Abitur und einige studieren später sogar. Gut so: Denn in Zeiten voranschreitender Digitalisierung ist eine gute Ausbildung der sicherste Schutz vor Verlust der Arbeit.

Können Gesetze Effekte der Digitalisierung stoppen?

Bislang geht die Digitalisierung stark mit prekärer Beschäftigung, wachsender Unsicherheit für ArbeitnehmerInnen und verschwimmende Grenzen zwischen Beruf und Privat einher“, heißt es von der SPÖ. Richtig. Genauso ist es. Doch Punkt 8 als Antwort darauf (Grenzen zwischen Arbeitsleben und Privatleben beachten) reicht nicht aus, um der wachsenden Unsicherheit Einhalt zu gebieten.

Die SPÖ versucht, der Digitalisierung rechtliche Riegel vorzuschieben. Das Problem: Indem das Privatleben der Beschäftigten geachtet wird und man ihnen mehr Zeitsouveränität verschafft, rettet man keinen einzigen der Arbeitsplätze, die durch die Digitalisierung drohen verloren zu gehen. Darauf sind die 12 Punkte aber auch nicht ausgelegt. Im SPÖ-Papier Arbeitswelt 4.0 heißt es diesbezüglich nämlich: „Die Arbeit wird uns nicht ausgehen!“ Die Hoffnung lebt, dass die Digitalisierung nur eine Verschiebung zwischen den Branchen bringt. Passend dazu steht der 12. und letzte Punkt: Die Sicherung des Sozialsystems mit Steuern auf Wertschöpfung.

Dieses 12-Punkte-Programm erweckt nicht den Eindruck, als sei Digitalisierung als großes Thema ins Zentrum gerückt worden, um dann darauf Politikmaßnahmen zu entwerfen. Es wirkt, als versuche die SPÖ bereits bekannte Forderungen hinter dem Begriff Digitalisierung zu postieren, um sie als aktuell zu verkaufen.

Auch NEOS suchen Antworten

Nichts desto trotz: Die SPÖ hat verstanden, dass Digitalisierung ein soziales Thema ist. Ein Thema, bei dem die Politik gestalterisch eingreifen kann. Auch die NEOS tüfteln an einem Plan mit dem Titel „Faire Digitalisierung“. Als Mastermind hat die Partei den Juristen Maximilian Schrems gewonnen, der mit seiner Klage gegen Facebook Bekanntheit erlangte. Die Pressekonferenz von Schrems und NEOS-Chef Matthias Strolz war jedoch ernüchternd. Die Themen die angesprochen wurden, sind Überwachung, Monopolbildung im Internet, Programmieren in der Schule, Digitalisierung in der Verwaltung, Hasspostings, Transparenz und Datenschutz. Alle Themen, die in einem ersten Abriss angesprochen wurden, begrenzen sich auf den Computer und auf das Internet und klammern Digitalisierung als soziales Phänomen aus.

Was passiert mit der Gesellschaft?

Zentrale Fragen bleiben offen: Wie verändert Digitalisierung unser aller Bildungsweg, unsere Arbeit und unsere Lebensplanung? Wenn ich heute Böden reinige und das in 10 Jahren ein Roboter tut, was mache dann ich? Wenn Unternehmen mehr Wert schöpfen und zugleich weniger Arbeitskräfte brauchen, was passiert dann mit uns allen als Gesellschaft?

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Warum arbeiten wir?

Von Benjamin Kloiber

Argumente gegen ein bedingungsloses Grundeinkommen gibt es zuhauf. Manche sind gerechtfertigt, wie der Einwand, dass das Steuersystem von Grund auf überarbeitet werden müsste. Das stimmt. Ob man das schlecht finden muss, ist eine andere Sache. Doch das wohl bekannteste intellektuell ärmste Argument, ist der plumpe Kneipenspruch: Dann gehen die Leute ja nimmer arbeiten! Diese Befürchtung suggeriert, dass es nur einen einzigen Grund gibt, um arbeiten zu gehen: Geld.

Die Studie Wertewelten Arbeiten 4.0 im Auftrag des deutschen Bundesministeriums für Arbeit und Soziales zeigt, dass es für die Menschen nicht nur diesen einen Grund gibt, zu arbeiten. Leute haben unterschiedliche Werte und lassen sich anhand dieser Studie in 7 Arbeitstypen einteilen:

Die 7 Arbeitstypen

  1. Sorgenfrei von der Arbeit leben können: Arbeit dient dieser Gruppe einzig und allein dem Zweck, ein sorgenfreies und erfülltes Privatleben unterhalten zu können. Etwa 25-30% der Befragten gehören dieser größten Gruppe an. Der Staat hat für sie die Aufgabe, sozial abzusichern. Einem bedingungslosen Grundeinkommen stehen diese Menschen größtenteils positiv gegenüber.
  1. In einer starken Solidargemeinschaft arbeiten: Gegenseitige Loyalität, Teilhabe an der Gesellschaft und Wertschätzung für ihre Leistungen. Das liegt dieser Gruppe besonders am Herzen. Diese 10% spüren eine zunehmende Kluft zwischen Unternehmen und ihren Mitarbeitern. Der Stellenwert der Mitarbeiter hat sich verschlechtert und soziale Netz des Staates ist zu dünn geworden. Diese Menschen sind klar für ein Grundeinkommen.
  1. Den Wohlstand hart erarbeiten: Wer hart genug arbeitet, erreicht auch was. Diese Gruppe von 15% glaubt, durch Arbeit zu Wohlstand zu gelangen. Die klassische Nachkriegsgeneration also. Auf Sozialleistungen legen diese Menschen weniger wert. Ihnen sind Wirtschaftsdaten, wie das BIP und ein Exportüberschuss wichtiger, damit Deutschland seine wirtschaftspolitische Hegemonialstellung nicht gefährdet.
  1. Engagiert Höchstleistung erzielen: Das Motto dieser Gruppe lautet: Leistung um der Leistung willen. Zielstrebigkeit, Flexibilität und Spaß am Stress gehören zu den Eigenschaften jener 10-15%. Diese Menschen fürchten die Digitalisierung nicht. Sie freuen sich auf die neuen Herausforderungen, die dadurch einhergehen. Sie sind zuversichtlich, auch in der neuen Arbeitswelt obenauf zu sitzen – sofern die Rahmenbedingungen es erlauben.
  1. Sich in der Arbeitswelt selbst verwirklichen: Diese Menschen arbeiten nicht, um sich ein erfüllendes Privatleben leisten zu können – sondern die Arbeit ist Teil ihres erfüllten Lebens. Geld um des Geldes Willen oder Aufstieg um des Aufstiegs Willen sind keine Ziele dieser 10%. Sie wollen Flexibilität in jeglicher Hinsicht und legen Wert auf Kinderbetreuungsmöglichkeiten.
  1. Balance zwischen Arbeit und Leben finden: Auch diese Gruppe hebt die Arbeit nicht aufs Podest. Sie sehnt sich nach Gleichgewicht. Arbeit, Familie, Sport, Abendunterhaltung: Alles soll nebeneinander existieren können, ohne einander zu schaden. Der Mensch steht für diese 10-15% im Fokus. Die Wirtschafts- und die Arbeitswelt müssen sich dem Menschen anpassen – und nicht umgekehrt.
  1. Sinn außerhalb seiner Arbeit suchen: Diese Menschen empfinden gemeinnützige Tätigkeit in der Regel sinnstiftender als ihre Erwerbsarbeit. Diese 10-15% engagieren sich für die Gemeinschaft, wie andere in ihrer Arbeit. Diese Gruppe erwartet vom Staat ihren Bürgern ein lebenswertes Leben zu garantieren – unabhängig davon, wieviel Geld jemand verdient. Auch diese Gruppe ist sehr affin mit dem bedingungslosen Grundeinkommen.

Wir arbeiten trotz Grundeinkommen!

Wir wissen nun: Arbeit hat für die Leute einen verschieden hohen Stellenwert. Manche arbeiten, um zu arbeiten. Einige arbeiten, um reich zu werden. Andere arbeiten, um sich selbst zu verwirklichen. Aber – und das ist entscheidend – sie ARBEITEN. Arbeit erfüllt verschiedene Zwecke im Leben verschiedener Menschen. Aber wie wir im oben dargestellten Modell sehen, ist Arbeit (positiver) Teil des Lebens der Menschen. Und daran kann auch ein bedingungsloses Grundeinkommen nichts ändern. Es verhindert nicht, dass Leute arbeiten – es verhindert, dass Leute, die nicht arbeiten (können), zu den Verlierern in unserer Gesellschaft gehören.

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Das Schweigen der Wähler

Von Benjamin Kloiber

Die Mehrheit ist still

Schon vor einigen Wochen sah ich einen Bericht, der von der „schweigenden Mehrheit“ handelte. Diese schweigende Mehrheit umfasst alle Menschen, die sich wenig oder gar nicht öffentlich und in sozialen Netzwerken zu politischen Themen äußern.

Politik? Nicht mit mir!

Wie schwierig es ist, der schweigenden Mehrheit ein paar Worte zu entlocken, habe ich in den letzten zwei Wochen selbst erlebt. Ich habe Leute kontaktiert und gefragt, ob sie bereit wären, vor der Kamera ein Interview zu geben. Mit einem Interview hatte niemand ein Problem. Die Kamera ist auch in Ordnung. Aber das Thema – Politik – das war vielen zu heikel.

Nein, es geht nicht um Flüchtlinge. Nein, du wirst nichts zur AfD gefragt. Nein, um Religion geht es auch nicht. Nur um Demokratie soll es gehen. Ganz simpel. Die eigenen Gedanken stehen im Vordergrund und die Fragen zielen nicht darauf ab, einen peinlichen „Sager“ zu provozieren. Und dennoch: Die Angststarre ließ nicht nach. Das verteufelte Wort „Politik“ allein reichte schon, um die Leute zu vergraulen.

Für oder gegen

Es ist so schade, dass sich völlig normale Leute unwohl dabei fühlen, offen über normale politische Themen zu sprechen. Zu groß ist die Angst, irgendwo anzuecken. Gerade jetzt, wo viele komplexe Themen so dargestellt werden, als gäbe es nur zwei Positionen – nämlich Pro oder Kontra. Ein Beispiel: Sollen Flüchtlinge kommen oder sollen sie weg? Dass beide Antworten das eigentliche Problem ignorieren – nämlich den Fluchtgrund – spielt in der öffentlichen Betrachtung immer noch kaum eine Rolle. Ein weiteres Beispiel: Ist der gelbhaarige Showman Donald Trump ein geiler Hecht, der unbeirrt sein Programm durchzieht oder ist er der zu Fleisch gewordene Weltuntergang? Dass sein Wahlsieg und seine Auffassung von Demokratie nur ein Symptom und nicht die Krankheit per se ist, scheint egal zu sein.

Wacht auf und sprecht!

Es täte der Demokratie nur gut, würde sich die schweigende Mehrheit aufraffen, um ihren Senf dazuzugeben. Teilhabe fördert Lösungen. Die Wahrnehmung, dass alles entweder Schwarz oder Weiß sei, ist eine verzerrte – weil jene, die „Schwarz“ oder „Weiß“ herausrufen, am lautesten sind. Traut euch Leute. Ruft „Grau“! Oder „Lila“. Oder sonst was – aber ruft was!

Schwertlinie

Die Suche nach der einzig wahren Wahrheit

Von Benjamin Kloiber

Fake, Fake, Fake

Fake News wurde bereits zum Anglizismus des Jahres 2016 gekürt und hat auch in laufenden Jahr Chancen, in der ein oder anderen Kategorie (unrühmliche) Preise abzusahnen. Wir alle kennen Fake News. Zuhauf lesen wir welche auf Sozialen Netzwerken oder hören sie direkt aus dem Mund eines amerikanischen Wüterichs und Präsidenten.

Doch wie erkennt man, was Fake ist und was nicht? Zum Teil kann das schwierig sein. Manchmal sind die falschen Nachrichten so gut aufbereitet, dass sie wahr sein KÖNNTEN, …wenn sie es denn wären.

Binnen den letzten Wochen hat sich nicht nur einer; es haben sich sogar zwei prominente „Macher“ zur Aufgabe gemacht, uns von Fake News zu befreien. Sowohl der Wikipedia-Gründer Jimmy Wales als auch der Dosenmogul Dietrich Mateschitz wollen ein Onlineportal gründen, dass nicht als die Wahrheit verbreiten soll.

In der Dose liegt die Wahrheit?

Solch ein Vorhaben mag edel sein. Aber Skepsis ist dennoch angebracht. Wie bei allen Nachrichtenportalen, Zeitungen, Sendungen, usw. gilt: Eine 100%ige Vollständigkeit gibt es nicht. Kann es nie geben. Es werden ganze Bücher verkauft, mit Nachrichten, die es in den letzten 365 Tagen nicht in die Medien geschafft haben. Ein jedes Medium muss selektieren. Auch ein Nachrichtenprotal mit der einzig wahren Wahrheit.

Es mag am Ende etwas herauskommen, das bestimmt nicht als Fake News zu bezeichnen ist. Aber ein kleine Kelle Subjektivität schummelt sich in jeden Suppentopf. Auch die Selektion der Nachrichten ist alleine schon eine Wertung. Und ganz nebenbei: Reiche mächtige Männer, die Geld in die Hand nehmen, um Wahrheit zu verbreiten… Das alleine bringt mich dazu, die Nase zu rümpfen. Da darf man ruhig skeptisch sein.

Lesen mit Verstand

Ich habe das hier nicht geschrieben, um die Bemühungen, gegen Fake News vorzugehen zu verteufeln. Ich schreibe das, weil ich der festen Überzeugung bin, das Fake News ein Virus ist, der nicht zur Gänze auszulöschen ist. Es wird sie immer geben. Und sie werden immer Gehör finden. Die besten Impfungen sind ein reflektierter Konsum von Nachrichten und kritisches Hinterfragen. Wer dies beherrscht, ist so gut wie immun gegen Fake News.

Dornen

„Aus großer Macht folgt große Verantwortung“

Von Benjamin Kloiber

Diesen Spruch trichterte Onkel Ben seinem nerdigen Neven Peter Parker immer wieder ein. Als dieser später im schicken rotblauen Einteiler Verbrecher jagte, beherzigte er diesen Leitspruch stets. Angesichts der neuen Geschäftszahlen von Facebook, möchte man auch Mark Zuckerberg diesen Satz zurufen.

Facebook wird mächtiger

Um satte 77% steigerte das Unternehmen seinen Gewinn. Das sind 3 Milliarden Dollar mehr als im Vorjahr. Unglaublich aber wahr: Diese Wertsteigerung resultiert fast ausschließlich aus der eingeblendeten Werbung auf Smartphones und Tablets, wegen denen ich zweimal die Woche vor Ärger in Hysterie verfalle.

Facebooks Kapital sind Daten. Unser aller Daten. Informationen die wir zur Verfügung stellen, durch ein „Teilen“, ein „Gefällt mir“ oder auch nur einen Klick mit der Maustaste. Wir genießen das. Wir loggen uns ein und sehen Beiträge und Nachrichten, die dank dem berühmtberüchtigten Facebook-Algorithmus auf uns persönlich abgestimmt sind.

Facebook ist heute mehr als eine Plattform, in der man sich mit Freunden vernetzt. Es übernimmt journalistische Aufgaben, in dem es Informationen filtert. Eine komplexe Welt soll für uns vereinfacht dargestellt werden. Es jongliert mit Bällen in sämtlichen Farben, wirft uns aber nur einen zu.

2 Milliarden Nutzer – eine Firma

Die Tatsache, dass 2 Milliarden Leute und damit quasi die gesamte westliche Welt diese Plattform nutzt, darf über eines nicht hinwegtäuschen: Facebook ist viel – aber nicht demokratisch. Die Daten von 2 Milliarden Menschen gehören nicht uns allen. Sie gehören EINER Firma. Eine Firma, die daraus gigantischen Wert generiert. Eine Firma, hinter deren Namen einige wenige Köpfe entscheiden. Eine digitale Supermacht, die eine Entwicklung vorantreibt, an der wir alle noch viel zu wenig aktiv teilhaben.

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Counter Strike lernt lieben

Von Benjamin Kloiber

Hass im Netz. Fake News. Lügen. Hetze. Wenn ich an Online-Foren denke, schwirren mir diese Schlagwörter als erstes durch den Kopf. Ein Online-Forum scheint demnach kein geeigneter Platz zu sein, wo man seine Kinder zum Spielen hinschickt. Derselben Logik nach ist eine Online-Community kein guter Umgang für Kinder.

Junger Gamer wird gedisst

Umso berührender fand ich die Geschichte über einen 17-jährigen Burschen, die ich neulich in der Welt las: Der junge Adam, ist von Geburt an körperlich eingeschränkt. Ihm fehlen Nase und einige Zähne. Er kann nicht deutlich sprechen und sieht schlecht. Seine Leidenschaft „Counter Strike“ teilt er mit vielen Jugendlichen seines Alters. Bei diesem Ego-Shooter bekriegen sich Teams online bis zum letzten digitalen Blutstropfen.

Während des Spiels wird per Mikrofon und Chat miteinander kommuniziert. Adam informierte seine Mitspieler stets vorab über seine Einschränkungen. Zumeist verlief dies problemfrei. Einmal hingegen wurde er beleidigt und aus der Spielrunde entfernt. Wütend riss sich Adam das Headset vom Kopf und schaltete den Bildschirm aus.

Aber damit war die Geschichte nicht vorbei. Adam ist Streamer. Er filmt seine Spiele und einige Leute sahen ihm zum Zeitpunkt seines Rauswurfs zu. Einer von ihnen wurde aktiv. Er postete das Geschehene in einem Online-Forum, um damit die Counter Strike-Community zu erreichen.

Was ist das für eine Community?

Die Leute sind zumeist jung und männlich. Höfliche Umgangsformen können während dem Spiel vereinzelt vorkommen, doch Mobbing und Beschimpfungen haben dort ebenso ihren Platz. Was Adam betrifft, zeigten sich seine Mitspieler damals von ihrer schlechtesten Seite. Doch wie die Counter Strike-Community auf den Forumsbeitrag reagierte, war schlicht großartig.

Seine zehn bis zwanzig Zuschauer wurden zu Tausenden. Geldspenden sind für Streamer nichts Ungewöhnliches. Schließlich brauchen sie für gute Videos entsprechend gutes Equipment. Und seine tausenden Zuschauer spendeten ihm tausende Dollar. Diese will er nicht nur in besseres Material investieren, sondern auch in chirurgische Eingriffe. Sogar ein professionelles Counter Strike-Team kontaktierte Adam, um ihm ins Team aufzunehmen. Für Adam ein tolles Happy End.

Was ist da passiert?

Adam wurde per Abstimmung von all seinen Mitspielern aus dem Game entfernt. Tage später ist er um mehrere tausend Dollar reicher, während die Spieler, die ihn mobbten, eine Sperre aufgebrummt bekamen. Ein und dieselbe Community zeigte binnen kürzester Zeit ihr hässlichstes und schönstes Gesicht.

Adam hatte in der einen Partie Pech. Er spielte mit Leuten, deren Verständnis für den eingeschränkten Mitspieler weniger wog als der Ärger über dessen undeutliche Aussprache. Adam wurde ausgeschlossen. Die Gruppe stellte sich gegen ihn. Dann war es eine Person, die sich ein Herz nahm und den Vorfall dokumentierte. Und dessen Forumsbeitrag produzierte ein lautes Echo. Das Pendel schwang um. Plötzlich stand Adam innerhalb des Kreises und seine unfairen Kontrahenten waren im Abseits.

Doch weder der unschöne Vorfall noch die großartige Reaktion repräsentieren die Counter Strike-Community. So wie das mit den Online-Communitys nun mal ist, melden sich jene zu Wort, die das gerade wollen. An einem Tag wollten Adams Mitspieler ihn geschlossen diskriminieren. An einem anderen Tag wollten andere Gamer ihre Solidarität mit Adam bekunden.

Man stelle sich vor, Adam hätte zum Zeitpunkt seines Rauswurfs nicht gestreamt. Man stelle sich vor, dieser eine Zuschauer hätte den Vorfall nicht gepostet. Die Counter Strike-Community hätte nicht ihr schönstes Gesicht zeigen können.

Rabarber

„Der Islam wird in jedes Haus kommen“

Von Benjamin Kloiber

Privat schüchtern – im Netz vorlaut

Ich saß neulich auf dem Beifahrersitz eines dunklen Citroëns. Im Radio sprach eine junge Frau über Facebook-Freunde. Sie meinte, sie war völlig schockiert über eine harsche politische Äußerung, die eine Freundin auf Facebook postete. Nie hätte sie ihr das zugetraut. Sie sind doch seit Jahren auch im Reallife befreundet und im direkten Gespräch wirkt sie so ganz anders – höflich und sogar etwas schüchtern. Das persönliche Gespräch ist geprägt von gegenseitiger Rücksichtnahme. Im Netz agieren viele weniger sensibel.

Es ist bekannt, dass viele Leute Facebook-Freunde haben, die sie privat kaum bis gar nicht kennen. Aber in diesem Fall hat jemand neue Seiten an einer Person kennengelernt, mit der man bereits befreundet war. Die junge Frau hatte überlegt, das Posting ihrer Freundin zu kommentieren. Sie tat es nicht. Sie wollte lieber im echten Leben mit ihren echten Freunden echte Gespräche führen. Das brachte mich zum Nachdenken.

Über eine Bekanntschaft…

Vor knapp 20 Monaten machte ich bei einem Seminar über „Politik und Moral“ an der Uni Bekanntschaft mit einem jungen Mann. Er war witzig, stets gut drauf. Kaum sah man ihn ohne Lächeln im Gesicht. Er schwärmte von seinem Job mit Jugendlichen und von seiner parteipolitischen Arbeit, die er nebenher betrieb. In jeder Seminareinheit saßen wir nebeneinander. Der Fan von Borussia Dortmund lud mich zu sich nach Hause ein, um das Fußballspiel gegen den FC Porto gemeinsam mit seinen Freunden im TV zu verfolgen. Dafür vernetzten wir uns per Facebook.

…die privat ihren Anfang nahm…

Irgendwann war das Seminar vorbei und wir sahen uns nur noch sporadisch. Ein „Hi“ hier und da. Anfang März stieß ich in einer Tageszeitung über einen kleinen Artikel, der von einem jungen Mann handelte, dem der Parteirauswurf bevorstand, weil er in führender Position für eine muslimische Missionierungsgruppe tätig war, die Politikwissenschaftler als salafistisch bezeichnen. Auch von Respektlosigkeiten gegenüber Frauen war die Rede.

…und auf Facebook ihr Ende fand

Ein Name wurde in dem Artikel nicht genannt. Aber das Alter stimmte und die Partei auch. Also sah ich mir das Facebook-Profil meines alten Freundes an, um herauszufinden, ob es sich um ihn handelte. Und tatsächlich. Ganz oben auf der Statusleiste fand ich ein rund 8-minütiges Video, auf dem er zu sehen war. Optisch hatte er sich verändert. Er trug nun einen dichten Bart. Seinen Job, bei dem er sich um Jugendliche kümmerte, hatte er nicht mehr. Mit bekannter Stimme sprach er in dem Video über Sachen, die mir von ihm unbekannt waren. Das Video endete mit dem Satz: „Der Islam wird in jedes Haus kommen.“ Ich wollte etwas schreiben. Aber ich ließ es sein und entfernte ihn als Freund. Die junge Frau im Radio hatte recht.