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Die drei „G“ des starken Mannes – geliebt, gefürchtet, gewählt

Von Benjamin Kloiber

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In Österreich für Alexander Van der Bellen sein und in der Türkei für Recep Tayyip Erdogan. In einem Land mit einem grünen und vermeintlich linken Politiker sympathisieren und in einem anderen Land mit dem rechten Hardliner. Wie passt das zusammen?

Die Frage, die viele Kommentare in den Medien füllt, zeigt sich hier an einem konkreten Beispiel. Wie könne jemand hier behütet in Demokratie und Meinungsfreiheit leben, während eben dieser jemand die gleichen Werte knapp 2.000 Kilometer südöstlich ablehnt?

Ein Versuch der Beantwortung ist Teil der Frage. Hier, wo der Taxifahrer lebt, lebt er gerne. Der soziale Aufstieg ist schwer – für ihn noch schwerer, da er Migrationshintergrund hat. Doch auch wer unter bescheidenen Verhältnissen lebt, dem bietet sich hier ein Wohlstand, der jenem in der Türkei überragt. Der Taxifahrer hat also ein begründbares Interesse daran, die herrschenden politischen Verhältnisse hier zu schützen.

Ausblenden des Schlechten

Entgegen vieler Türken „leidet“ der Taxifahrer nicht unter Erdogan. Eine Beschneidung der Grundrechte und Massenverhaftungen hat er durch Erdogan nicht zu fürchten. Schließlich befindet er sich in der politischen Obhut Österreichs. Er kann es sich leisten, die verbesserte Infrastruktur in den ländlichen Regionen der Türkei und den wirtschaftlichen Aufschwung in den Anfangsjahren von Erdogans Regentschaft zu zelebrieren. Dass dieser Aufschwung vor allem der Perspektive einer EU-Mitgliedschaft zu verdanken ist, spielt in den Köpfen der Türken keine Rolle. Warum auch? Als ob wir in Deutschland oder Österreich die EU für irgendetwas loben würden.

Die Perspektive einer EU-Mitgliedschaft ist fort. Doch dieser trauern viele Türken nicht nach. Dabei geht es keinesfalls um wirtschaftspolitisches Kalkül. Es geht um Gefühle. Erdogan und seine harte kompromisslose Politik gibt Türken in Deutschland und Österreich ein Gefühl, dass viele hier nie entwickeln konnten: Ein Gefühl der Zugehörigkeit – und auch ein Gefühl der Stärke.

Die Sehnsucht nach dem starken Mann

Erdogan suggeriert außenpolitische Macht. Politiker wie Angela Merkel waren in der Zeit des Flüchtlingszustroms Bittsteller bei Erdogan dem Großen. Nur dank seiner Gutmütigkeit und einigen Milliarden an Euro, konnten die Asylsuchenden auf dem Weg nach Zentraleuropa gestoppt werden.

Das Bild des starken Mannes zieht. Trump, Putin, Erdogan. Sie werden geliebt, gefürchtet und gewählt. In sie werden Hoffnungen gelegt, deren Umsetzung zum Teil am vorherrschenden politischen System scheitert. Erdogan ist gegen dieses System ausgerückt – und hat gewonnen. In Österreich fand der Taxifahrer die vorherrschende politische Ordnung noch schützenswert.

Seifenpflanze

Braucht die Welt noch Journalismus?

Von Benjamin Kloiber

NZZ.at wird eingestellt

Knapp 2 Jahre lang hielt sich das Projekt am Laufen. Aber nun ist es gescheitert. Ende April stellt der österreichische Ableger der „Neuen Züricher Zeitung“ – NZZ.at – den Betrieb ein. Das rein digitale Medium versuchte, sich durch Abos zu finanzieren. Vergeblich. Was lernen wir daraus?

Das Zeitungssterben schreitet voran

Printmedien werden weniger und dünner. Der Ausweg ins Netz schien lange Zeit als Überlebensstrategie zu taugen. Und nun geht eine Zeitung bankrott, die kein einziges Mal gedruckt wurde. Das wirft eine Frage auf, die sich nicht auf Printmedien beschränkt: Ist der Journalismus überlebensfähig?

Qualitätsjournalismus ist wertvoll

Die Frage ist klar zu bejahen. Qualitätsmedien sind oft meritorische Güter. Das bedeutet, sie werden weniger oft konsumiert, als es für die Gesellschaft wünschenswert wäre. Auch Sport und Schulbildung sind solche Beispiele. Und genauso wenig wie Schulbildung darf Qualitätsjournalismus begraben werden.

Nachrichten sind gratis

Wenn etwas Nennenswertes auf der Welt geschieht, erfahre ich auch davon. Der Zeitungsjunge, der mit brauner Baskenmütze auf einer gut frequentierten Straße steht, mit der Zeitung in der rechten Hand wedelt und ruft: „Extrablatt! Extrablatt!“, hat als Geschäftsmodell ausgedient.

Der Wert hinter dem Wert

Eine gute Aufbereitung wissenswerter Inhalte wird immer ihre Abnehmer finden. Und auch wenn der Kaufpreis alleine die Kosten augenscheinlich nicht deckt, gibt es staatliche und private Förderer, die den Wert der Botschaften zu schätzen wissen. Es wird Umbrüche geben. Aber Journalismus wird nicht verenden.

Hand

Warum bloggt Benjamin?

Von Benjamin Kloiber

Ich heiße Benjamin Kloiber, bin Politikwissenschaftler und Namensgeber von „Benjamin bloggt“. Ich lebe und werke IN Wien aber FÜR Deutschland und Österreich. Demokratie 4.0 befasst sich mit den Veränderungen, derer die Demokratie in Zeiten der fortschreitenden Digitalisierung unterliegt.

Herausforderungen und Chancen

Und es verändert sich viel. Vor 15 Jahren lasen die Leute Zeitung. Heute beziehen viele Menschen ihre News gefiltert durch Facebook – einer Social-Media-Plattform, die es damals noch nicht einmal gab. War es früher einigen wenigen vorbehalten, ihre Ansichten in ihren eigenen Worten kundzutun, so kann das heute jeder, der Internetzugang hat.

Diese Vielfalt an publizierter Meinung schafft auch eine Vielfalt an Fragen und Bedürfnissen. Das verändert unsere Welt. Sie wird komplexer. Diese Komplexität bietet Chancen und zugleich verängstigt sie die Menschen. Niemand will mit Fragen und Problemen konfrontiert werden, für die man ad hoc keine Lösungen parat hat.

Und eben diesen Anspruch muss die Politik an sich selbst stellen. In einer komplexer werdenden Welt muss die Politik den Menschen Perspektiven anbieten und zeigen, dass sie nicht bloß Getriebene der Begebenheiten ist, sondern auch gestalten kann – und das gemeinsam mit den Menschen.

Darum bloggt Benjamin

Ich oute mich an dieser Stelle als Optimist. Wohl höre ich die Stimmen, die den baldigen Weltuntergang oder gar Schlimmeres postulieren, doch ich bin voller Hoffnung, dass Schwierigkeiten gemeistert werden können. Wir stehen zwar alle vor Herausforderungen, wir alle haben Fragen, wir alle suchen nach Antworten, doch wir alle können politisch partizipieren und gestalten – und uns damit eine bessere Zukunft schaffen.