Beiträge

Blueten2

Die Rolle der Digitalisierung im Wahlkampf

Von Benjamin Kloiber

Ein intensiver und in vielen seinen Facetten elendiger Wahlkampf ist zu Ende. Viel ist schon geschrieben worden über Silberstein, Boulevard-Kampagnen, Beschattung, Face-Facebookseiten, Maulwürfe, dubiose Geldangebote. In einem Wort: Dirty Campaigning. Ich möchte auf eine andere Facette dieses Wahlkampfs eingehen: Digitalisierung.

Ein Kampf auf allen Kanälen

Digitalisierung ist das Thema, welches das Leben der Menschen in den nächsten Jahren und Jahrzehnten am meisten verändern wird. Wie schnell alles gehen kann, sehen wir bereits an diesem Wahlkampf. Eine multimediale Schlacht war das – geführt auf allen Kanälen: Online wie Offline.

Gewinner dieser Auseinandersetzungen war überraschenderweise das Fernsehen. Die Zuseher wurden nicht müde, Duell um Duell, Elefantenrunde um Elefantenrunde zu sehen. Selbst dann, als offensichtlich war, dass einige der Kandidaten immer wieder dieselben Phrasen bringen.

Soziale Medien zur Selbstdarstellung

Aber die Kandidaten verließen sich nicht zur Gänze aufs Fernsehen. Die Spitzenkandidaten der Parteien haben sich in den letzten Jahren auf den Social-Media-Kanälen eine zum Teil große Reichweite aufgebaut. Der Vorteil gegenüber anderen Medien ist offensichtlich: Botschaften können ungefiltert transportiert werden – ohne den lästigen Nachfragen von Journalisten, die ja doch nie schreiben, wie toll der Kandidat denn eigentlich sei.

Diese Flucht in soziale Medien ist einigen Kandidaten gut bekommen. Mit einem Mix aus Stehsätzen und Bildern die suggerieren, dass es sich um einen herausragenden Mann der Geschichte handeln muss, der da vorne auf der Bühne steht und den Menschenmengen zuwinkt, ist es Sebastian Kurz gelungen, ein Narrativ zu erschaffen, dass bis zum Schluss nichts erschüttern konnte. Die Inszenierung als die zu Fleisch gewordene Veränderung war schier perfekt.

Auch Peter Pilz hat sich auf Facebook und Twitter eine Öffentlichkeit geschaffen, die ihm der ORF verwehrt hat. Eine Partei jedoch hat auf Facebook Wochen und Monate lang einen riesigen Kothaufen fabriziert, um dann im ungünstigsten Moment selbst hineinzusteigen. Der Lerneffekt war hoffentlich groß.

Digitalisierung war kein Wahlkampfthema

Doch all das – ob gut oder schlecht gelaufen – bewegt die Leute ab dem 15. Oktober kaum mehr. Stattdessen sind es die übrigen Facetten der Digitalisierung, welche Einfluss auf das Leben der Menschen nehmen. Und diese waren kaum ein Thema. Sporadisch fiel hier und da ein Satz, wie: „Die Digitalisierung muss in die Schulen einziehen.“ Ja, eh. Aber Programmierkurse und gratis Laptops alleine sind noch keine Jobgarantie in einer Zeit, in der ich meinen Einkauf zum Automaten anstatt zur Kassiererin trage.

Soziale Aspekte der Digitalisierung

Wie der Sozialstaat finanzierbar bleibt, wenn es zum digitalen Umbruch in einigen Branchen kommt? Ein Zukunftsthema, mit dem die Parteien die Menschen vor einer Wahl nicht belasten wollten. SPÖ und Peter Pilz schnitten das Thema zumindest an. Die Besteuerungsgrundlage könne nicht mehr vor allem auf Löhne aufbauen, sondern müsse erweitert werden. Vermögen könnten besteuert werden. Und große Erbschaften. Über eine Wertschöpfungsabgabe müsse man sich Gedanken machen. In der Zukunft. Irgendwann.

Natürlich ist es verständlich, dass die Parteien im Wahlkampf keinem Thema großen Platz einräumen, welches sie so wenig kontrollieren können wie die Digitalisierung. Im Umkehrschluss heißt das: Nach der Wahl – und möglichst lange vor der nächsten – ist der ideale Zeitpunkt für tiefgreifende Reformen. Das gibt Hoffnung. Ein wenig.

Schlappbluete

Beeinflusst Google, wen wir wählen?

Von Benjamin Kloiber

Die wenigsten von uns überweisen Google oder Facebook Geld. Dennoch gehören sie zu den wertvollsten Firmen dieser Welt. Sie brauchen gar kein Geld von uns. Wir füttern sie mit unseren Daten. Mit jeder Suchanfrage auf Google, mit jedem „Gefällt mir“ auf Facebook, mit jedem Einkauf bei Amazon verraten wir den Internetriesen, was wir denken, was wir fühlen, was wir wollen und wer wir sind.

Wir nutzen diese Dienste täglich. Manche sind regelrecht süchtig nach ihnen. Dennoch lieben wir die Internetgiganten nicht bedingungslos. Es ist vielmehr eine Hassliebe. Uns ist bewusst, dass Amazon den Händler um die Ecke verdrängt. Wir wissen, dass Google und Facebook trotz Milliardengewinnen kaum Steuern zahlen.

Wir sind Produkte

Und machen wir uns nichts vor. Wir sind nicht bloß deren Kunden und damit die Könige – wir sind auch deren Produkte. Google hält in der EU einen Marktanteil von über 90%. Wir können uns zwar einreden, dass wir mit unserer Suche im Web selbst entscheiden, was wir finden. Doch dann würden wir uns belügen. Google entscheidet – nicht wir.

Wettbewerb? Fehlanzeige!

Unsere Gesellschaft und die Gesetze sind nicht auf diese Übermacht einiger weniger Internetriesen eingestellt. Wettbewerb? Fehlanzeige! In einigen Bereichen konkurrieren diese Firmen vielleicht kurz miteinander. Doch der Markt scheint aufgeteilt. Wettbewerbshüter staunen bloß und nehmen diese Monopole reglos hin.

Werden wir manipuliert?

Der amerikanische Psychologe Rob Epstein warnt seit dem Jahr 2015 vom negativen Einfluss von Google und Facebook auf die Demokratie. Auch heuer legte er mit seiner Kritik nach und mokierte sich darüber, dass Google und Facebook für viele Leute entscheiden, welche Neuigkeiten aus welchen Quellen vorgesetzt werden. Auf der CeBIT-Messe vor zwei Jahren meinte Epstein: „Ganz egal, was das (Google-)Management für Absichten haben mag: Das Programm entscheidet schon heute über den Ausgang von Wahlen in aller Welt.“ Als Referenz bezog er sich auf Tests, die in Indien und den USA durchgeführt wurden. Diese haben gezeigt: Es reicht die Reihenfolge, in der Politiker bei Suchergebnissen auftauchen, um Wähler zu beeinflussen. „99 Prozent der Teilnehmer hatten keine Ahnung, dass sie manipuliert wurden“, sagte Epstein.

Google und Facebook entscheiden, was wir sehen

Google mag noch abstreiten, dass sie Einfluss auf Wahlen und die Demokratie im Allgemeinen nimmt. Bei Facebook ist man da schon ehrlicher. 2014 führte das Unternehmen mit 700.000 Versuchskaninchen (oder Nutzern) eine Art Psychotest durch. Eine Hälfte bekam vorwiegend positive Nachrichten von Facebook-Freunden zu sehen – die andere Hälfte negative. Die zwei Ergebnisse: Ja, Facebook konnte die Emotionen der Menschen steuern. Ein Teil der Leute war am Ende tatsächlich positiver gestimmt als der andere. Und zweitens: Den Nutzern war nicht bewusst, dass Facebook ihre Gedanken, ihre Emotionen steuerte.

Diese zwei Dinge sollten wir uns alle bewusst machen: Internetgiganten wie Google und Facebook können steuern, was wir sehen, denken und fühlen und sie haben es bereits gemacht. Das Zweite ist: Wenn es passiert, wissen wir es nicht. Beeinflussen Google und Facebook also, wen wir wählen. Ja, das tun sie. Steuern sie es auch? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Who knows?

 

 

Quellen:

http://www.rp-online.de/digitales/internet/rob-epstein-der-google-algorithmus-kann-die-demokratie-gefaehrden-aid-1.4950791

http://diepresse.com/home/wirtschaft/5271451/Gibt-uns-Google-was-uns-zusteht

Dornen

„Aus großer Macht folgt große Verantwortung“

Von Benjamin Kloiber

Diesen Spruch trichterte Onkel Ben seinem nerdigen Neven Peter Parker immer wieder ein. Als dieser später im schicken rotblauen Einteiler Verbrecher jagte, beherzigte er diesen Leitspruch stets. Angesichts der neuen Geschäftszahlen von Facebook, möchte man auch Mark Zuckerberg diesen Satz zurufen.

Facebook wird mächtiger

Um satte 77% steigerte das Unternehmen seinen Gewinn. Das sind 3 Milliarden Dollar mehr als im Vorjahr. Unglaublich aber wahr: Diese Wertsteigerung resultiert fast ausschließlich aus der eingeblendeten Werbung auf Smartphones und Tablets, wegen denen ich zweimal die Woche vor Ärger in Hysterie verfalle.

Facebooks Kapital sind Daten. Unser aller Daten. Informationen die wir zur Verfügung stellen, durch ein „Teilen“, ein „Gefällt mir“ oder auch nur einen Klick mit der Maustaste. Wir genießen das. Wir loggen uns ein und sehen Beiträge und Nachrichten, die dank dem berühmtberüchtigten Facebook-Algorithmus auf uns persönlich abgestimmt sind.

Facebook ist heute mehr als eine Plattform, in der man sich mit Freunden vernetzt. Es übernimmt journalistische Aufgaben, in dem es Informationen filtert. Eine komplexe Welt soll für uns vereinfacht dargestellt werden. Es jongliert mit Bällen in sämtlichen Farben, wirft uns aber nur einen zu.

2 Milliarden Nutzer – eine Firma

Die Tatsache, dass 2 Milliarden Leute und damit quasi die gesamte westliche Welt diese Plattform nutzt, darf über eines nicht hinwegtäuschen: Facebook ist viel – aber nicht demokratisch. Die Daten von 2 Milliarden Menschen gehören nicht uns allen. Sie gehören EINER Firma. Eine Firma, die daraus gigantischen Wert generiert. Eine Firma, hinter deren Namen einige wenige Köpfe entscheiden. Eine digitale Supermacht, die eine Entwicklung vorantreibt, an der wir alle noch viel zu wenig aktiv teilhaben.

Orchidee

Digitale Supermächte – Sind wir in Zukunft die Verlierer?

Von Thomas Nasswetter

„Also der technische Fortschritt ist der einzige Fortschritt in der Geschichte der Menschheit, der irreversibel ist, also unaufhaltsam und nicht rückdrehbar. Und dieser technische Fortschritt wird ja nicht auf demokratischem Wege erzeugt, indem die Leute alle sich zusammensetzen und darüber nachdenken oder wählen oder abstimmen, welchen technischen Fortschritt sie wollen und welchen sie nicht wollen, welche Menschheitsprobleme sie gelöst haben wollen und welches für sie gar keine sind. Das findet ja nicht statt, sondern der technische Fortschritt wird von kommerziellen Unternehmen vorangetrieben. Und diese kommerziellen Unternehmen bekommen eine irrsinnige Macht und Kontrolle natürlich dadurch, dass sie die ganzen Daten der Menschen bekommen und vieles andere mehr. Es entstehen digitale Supermächte, und diese digitalen Supermächte, denen kann völlig egal sein, wer unter ihnen in Deutschland Bundeskanzler ist oder amerikanischer Präsident.“ Richard David Precht in einem Interview mit dem Deutschlandfunk am 01. Mai 2017.

Denkt man diese Aussage ein wenig weiter, dann wird klar, dass fast alle Menschen auf diesem Planeten letztendlich auf der Seite der Verlierer stehen werden. Es läuft alles darauf hinaus, dass am Ende ganz wenige riesengroße Unternehmen den technologischen Fortschritt in einer „durchdigitalisierten“ Welt bestimmen und damit letztlich die Macht haben. Diese entziehen sich heute schon nach Möglichkeit der demokratischen (staatlichen) Kontrolle, verschleiern ihre Finanzen, um möglichst keine Steuern zu zahlen oder versuchen zumindest politische Entscheidungen in ihrem Sinne zu beeinflussen.

Vergleich-BSP-Boersenwert2

Vergleich mit Zahlen aus 2016: Bruttosozialprodukt verschiedener europäischer Staaten und Marktwert der zehn größten Unternehmen in Milliarden Euro. (Quelle: eigene Recherche)

Digitale Supermächte sind keine großen Arbeitgeber

Sieht man sich dann die Mitarbeiterzahlen der größten drei Unternehmen an, dann wird noch eines auffällig: Die wertvollsten drei Unternehmen der Welt – alle aus der Digitalbranche – beschäftigen zusammen nicht einmal 300.000 Mitarbeiter. Das sind deutlich weniger, als der VW-Konzern Mitarbeiter zählt. Die „Digitale Dividende“ ist also bisher nur ganz wenigen zugute gekommen und ausschließlich US-amerikanischen Unternehmen.

Das ist jetzt kein Aufruf zum Klassenkampf im marxistischen Sinne, wo Produktionsmittel durch Kommunikationsmittel abgelöst wurden, aber es muss uns als mündige Bürgerinnen und Bürger zu denken geben. Nachdenken, Lösungen suchen und dann Handeln – das ist die einzige Option.

Diese einfache (vielleicht auch etwas zu einfache?!) Statistik zeigt, dass es selbst mittelgroßen Länder schwer fällt, mit globalisierten Unternehmen „mitzuhalten“. Selbst das reiche und hochindustrialisierte Österreich mit seinen 8,7 Millionen Einwohnern findet nur einen Platz zwischen einem Finanzriesen und dem Social-Media Konzern Facebook.

Die Liga der digitalen Supermächte

Die Bevölkerung der ersten und zweiten Welt hat sehr stark zu diesem dargestellten Bild beigetragen, denn die Digitalisierung des „Privaten“ hat erst Unternehmen wie Apple (gegründet 1976), Alphabet (Google, gegründet 1998) oder Facebook (gegründet 2004) in diese Liga der digitalen Supermächte katapultiert. Es war nicht eine Industrielle Revolution, sondern die tägliche Bequemlichkeit und die scheinbare Erweiterung der eigenen Kommunikationsfähigkeit, die zum Sieg digitaler Unternehmen geführt hat. Facebook hat vom Startup zum sechstwertvollsten Unternehmen gerade einmal 13 Jahre gebraucht. Derzeit kommunizieren weltweit 1,7 Milliarden Menschen über dieses soziale Netzwerk. Solche globalen Entwicklungen waren zur Zeit der industriellen Revolution nicht möglich.

Das einzig gute daran ist, dass diese Unternehmen in einer unglaublichen Abhängigkeit von zahlungskräftigen Konsumenten sind. Wobei klar sein muss, dass alle diese Unternehmen auch Banken im weitesten Sinne sind, die so ganz nebenbei im Bereich der Finanzspekulation tätig sind, um den eigenen Reichtum auch noch auf dieser Seite zu vergrößern.

Klare Grenzen sind nötig

Da Unternehmen funktionieren wie Unternehmen eben funktionieren – nämlich gewinnorientiert – und dabei alle gesetzlichen Grenzen ausloten (das schreiben ihnen schon die Aktionäre vor), wird es nötig sein, diesen digitalen Supermächten klare Grenzen (klar im Sinne einer durch und durch demokratischer Gesellschaften) zu setzen. Beispiele wie in Russland, Türkei, China oder auch in Polen zeigen, dass von der Politik unabhängige digitale Massenkommunikation langfristig jedem autoritären Regime zugegen läuft und deshalb behindert wird.

Gleichgeschaltete Medien hingegen dienen nur mehr Propagandazwecken der jeweiligen Machthaber. Und noch eine oft übersehene Möglichkeit: Dieselben Medien werden aber von diesen Regierungen benutzt, um in demokratischen Ländern Propaganda zu betreiben, mit dem Ziel, demokratische Prozesse zu beeinflussen oder zu zerstören. Dafür gibt es mittlerweile unzählige Beispiele.

Open Source als demokratische Alternative

Wir müssen uns also darüber im Klaren sein, das demokratische Rechte immer über allen Unternehmenszielen stehen und wir müssen dafür globale Regeln und Strukturen schaffen, damit die demokratische Gesellschaft ein Verschwinden, eine Erpressung, eine feindliche Übernahme oder ein Versagen eines dieser großen Unternehmen schadlos verkraften kann. Was wäre nur, wenn Google, Apple und Facebook beschließen würden, ihre Dienste im nächsten Augenblick einzustellen – vielleicht weil sie von einer finsteren Hackertruppe übernommen wurden? Vielleicht sollte die Politik einmal darüber nachdenken, eine (europäische) Alternative zu Facebook, Apple oder Microsoft auf Open Source Basis zu etablieren. Diese Alternative muss als System gegenüber Manipulationsversuchen sehr resilient, gleichzeitig unabhängig von staatlichen Zugriffen sein und ähnlich wie das Internet selbst funktionieren.

Alleine durch so einen Impuls auf gesetzlicher Ebene, das „zu große“ Player verhindert und auf eine große Community an freien und freiwilligen Entwicklern zurückgreift, könnte eine demokratisch deutlich besser legitimierte Kommunikationsinfrastruktur geschaffen werden, als es sie derzeit gibt.

Natürlich lassen sich an dieser Stelle viele Fragen noch nicht beantworten. Aber es wird sich ähnlich verhalten, wie mit dem bedingungslosen Grundeinkommen. Irgendwann muss man ernsthaft darüber nachdenken und Lösungen suchen. Das Spielfeld dazu bereitet aber immer die Politik.

Rabarber

„Der Islam wird in jedes Haus kommen“

Von Benjamin Kloiber

Privat schüchtern – im Netz vorlaut

Ich saß neulich auf dem Beifahrersitz eines dunklen Citroëns. Im Radio sprach eine junge Frau über Facebook-Freunde. Sie meinte, sie war völlig schockiert über eine harsche politische Äußerung, die eine Freundin auf Facebook postete. Nie hätte sie ihr das zugetraut. Sie sind doch seit Jahren auch im Reallife befreundet und im direkten Gespräch wirkt sie so ganz anders – höflich und sogar etwas schüchtern. Das persönliche Gespräch ist geprägt von gegenseitiger Rücksichtnahme. Im Netz agieren viele weniger sensibel.

Es ist bekannt, dass viele Leute Facebook-Freunde haben, die sie privat kaum bis gar nicht kennen. Aber in diesem Fall hat jemand neue Seiten an einer Person kennengelernt, mit der man bereits befreundet war. Die junge Frau hatte überlegt, das Posting ihrer Freundin zu kommentieren. Sie tat es nicht. Sie wollte lieber im echten Leben mit ihren echten Freunden echte Gespräche führen. Das brachte mich zum Nachdenken.

Über eine Bekanntschaft…

Vor knapp 20 Monaten machte ich bei einem Seminar über „Politik und Moral“ an der Uni Bekanntschaft mit einem jungen Mann. Er war witzig, stets gut drauf. Kaum sah man ihn ohne Lächeln im Gesicht. Er schwärmte von seinem Job mit Jugendlichen und von seiner parteipolitischen Arbeit, die er nebenher betrieb. In jeder Seminareinheit saßen wir nebeneinander. Der Fan von Borussia Dortmund lud mich zu sich nach Hause ein, um das Fußballspiel gegen den FC Porto gemeinsam mit seinen Freunden im TV zu verfolgen. Dafür vernetzten wir uns per Facebook.

…die privat ihren Anfang nahm…

Irgendwann war das Seminar vorbei und wir sahen uns nur noch sporadisch. Ein „Hi“ hier und da. Anfang März stieß ich in einer Tageszeitung über einen kleinen Artikel, der von einem jungen Mann handelte, dem der Parteirauswurf bevorstand, weil er in führender Position für eine muslimische Missionierungsgruppe tätig war, die Politikwissenschaftler als salafistisch bezeichnen. Auch von Respektlosigkeiten gegenüber Frauen war die Rede.

…und auf Facebook ihr Ende fand

Ein Name wurde in dem Artikel nicht genannt. Aber das Alter stimmte und die Partei auch. Also sah ich mir das Facebook-Profil meines alten Freundes an, um herauszufinden, ob es sich um ihn handelte. Und tatsächlich. Ganz oben auf der Statusleiste fand ich ein rund 8-minütiges Video, auf dem er zu sehen war. Optisch hatte er sich verändert. Er trug nun einen dichten Bart. Seinen Job, bei dem er sich um Jugendliche kümmerte, hatte er nicht mehr. Mit bekannter Stimme sprach er in dem Video über Sachen, die mir von ihm unbekannt waren. Das Video endete mit dem Satz: „Der Islam wird in jedes Haus kommen.“ Ich wollte etwas schreiben. Aber ich ließ es sein und entfernte ihn als Freund. Die junge Frau im Radio hatte recht.