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Analoge Fertigkeiten entwickeln: Ein Must-do in der digitalen Welt?

Von Doreen Brumme

Demokratie ist eine Sache steter Entwicklung. Ich spreche heute mit Wiebke Eden-Fleig. Die Hamburger Politikwissenschaftlerin leistet der Demokratie als Initiatorin und Gründerin von just.childhood Entwicklungshilfe vor Ort: Mit ihrem Kindergarten „Bait al-Shams“ im Flüchtlingscamp Shatila, Beirut, Libanon, unterstützt Wiebke derzeit 55 Flüchtlingskinder auf den ersten Schritten in ihr künftiges Leben. Lest selbst, warum es ihr dabei vor allem auf analoge Fertigkeiten ankommt.

0C6A1773Wiebke, Du hast just.childhood gegründet. Stell uns als Erstes das Projekt bitte vor!

Just.childhood wurde mit dem Ziel gegründet, Kinder in den palästinensischen Flüchtlingslagern im Libanon mit Bildungsprojekten zu unterstützen.

Unser erstes Projekt, der Kindergarten „Bait al-Shams“ (auf Deutsch: „Haus der Sonne“) in Shatila, hat sich dabei aus den Bedürfnissen der Menschen vor Ort ergeben. Die Kinder gehen, mit einigen wenigen Ausnahmen, auf die Schulen der UNRWA, die einen Kindergartenbesuch voraussetzen.

Die UNRWA an sich hält jedoch selbst kein Mandat für frühkindliche Bildung inne. Die wenigen Kindergärten, die es in Shatila gibt, sind sehr traditionell und verschult. Die Kinder sitzen bereits mit drei Jahren an Tischen und müssen das Alphabet pauken. Die Erzieherinnen arbeiten dabei mit sehr viel Druck, Ungeduld – aber auch mit physischen Bestrafungen, wenn etwas nicht so klappt, wie sie es sich vorstellen. Das erzeugt wahnsinnig viel Frustration bei den Kindern und leider zieht sich dieser Faden dann weiter bis in die Schulen. Insgesamt gibt es eine sehr hohe Schulabbrecherquote schon in den ersten Schuljahren, viele Kinder halten dem Druck nicht stand. Wir wollten daran etwas ändern, denn wir sind wie viele andere davon überzeugt, dass Bildung eine der tragenden Säulen der Entwicklungsarbeit ist.

Warum hast du für dein Projekt Shatila ausgesucht? Was ist das für ein Ort, welche Menschen leben dort?

Ich habe einige Jahre im Libanon gelebt und für eine politische Stiftung gearbeitet. Durch einen Zufall bin ich das erste Mal nach Shatila gekommen. Ein befreundeter Fotograf arbeitete an einer Reportage über die zwölf palästinensischen Flüchtlingslager im Libanon und hat mir angeboten, ihn zu begleiten. Ich habe Kontakte geknüpft und schließlich begonnen, an den Wochenenden ehrenamtlich in einem Jugendzentrum zu arbeiten. Im Nachhinein habe ich sicherlich mehr davon profitiert als die Kinder. Aber es hat mich darin bestärkt, mich für Shatila und die wundervollen Kinder zu engagieren.

0C6A3380Shatila ist ein Flüchtlingslager, das 1949 vom Internationalen Roten Kreuz für die 1948 aus Palästina vertriebenen Menschen errichtet wurde. Ursprünglich gebaut wurde das Lager für etwa 3.000 Menschen, heute leben auf dem einen Quadratkilometer großen Gebiet inoffiziellen Schätzungen zufolge etwa 30.000. Vor allem die Syrienkrise hat dazu geführt, dass sich noch mehr Menschen die schon vorher äußerst knappen Ressourcen teilen müssen. Die Kanalisation ist überlastet, die sozialen Einrichten sowieso. Es ist schmutzig, laut, eng und eigentlich immer feucht und dunkel – die Häuser stehen so nahe aneinander, dass es in den unteren Stockwerken kein Licht gibt. Strom steht auch nur stundenweise zur Verfügung. Viele Kinder haben Atemwegserkrankungen und Hautprobleme.

Was sind die größten gesellschaftlichen (sozial, politisch, ökonomisch) Probleme und ihre Ursachen in Shatila?

Die Palästinenser in den libanesischen Flüchtlingslagern bezeichnen sich selbst als das „vergessene Volk“, da sie in einer feindlichen Umgebung leben, ihnen grundlegende Menschenrechte wie das Recht auf Arbeit – Palästinenser dürfen im Libanon über zwanzig Berufen nicht ausüben – oder Bildung nicht zugestanden werden und sie weder Schutz noch eine effektive Vertretung haben.

Nach beinahe siebzig Jahren leben sie immer noch in überfüllten, unhygienischen Übergangsunterkünften. Arbeitslosigkeit und Armut sind vorherrschend. Die Situation verschlechtert sich zusehends, viele sagen, ihr Leben heute sei viel schwieriger als jemals zuvor in der Vergangenheit. Die libanesischen Beschränkungen bei der Vergabe von Grundstücken für Palästinenser haben zusätzlich zu dieser starken Überfüllung in den Lagern geführt.

Wie ich weiter oben schon erwähnte mangelt es an Privatsphäre und an Tageslicht und für die Kinder an Platz zum freien Spielen. Eine sichtbare Folge der Überbevölkerung ist die Gewalt, die in Familien, im Lager, aber auch in den Schulen stattfindet. Dazu kommen Drogensucht und schwere psychische Probleme als Folgen des belastenden Lebens in dem Lager. Viele Menschen sind traumatisiert, wobei die Traumata von einer Generation an die nächste weitergegeben: zunächst die Vertreibung aus der Heimat, dann die vielen Kriege und bewaffneten Auseinandersetzungen, das Massaker von Sabra und Shatila 1982 – all dies wurde nie aufgearbeitet.

Wiebke, wie geht es den Kindern dort? Wie sieht der Alltag einer normalen Familie dort aus?

Die Kinder sind die schwächsten Glieder in der Flüchtlingsgesellschaft. Ihnen fehlt eigentlich alles, was Kinder brauchen, um gesund aufzuwachsen. Sie haben zum Beispiel keinen Rhythmus, keine Struktur und schon gar keinen Platz zum Spielen. Laut einer noch unveröffentlichten UNICEF-Studie werden fast alle Kinder physisch und emotional misshandelt. Oft ist den Eltern bewusst, dass sie nicht richtig handeln, sie wissen aber nicht, wie sie es ändern können. Die kleinsten Kinder sitzen zudem oft von früh bis spät vor dem Fernseher. Oder spielen mit Mobiltelefonen – oft ist das die einzige Beschäftigungsmöglichkeit, die ihnen geboten wird.

0C6A1717Warum ein Kindergarten? Was änderst Du mit deinem Projekt an dem „üblichen“ Alltag der Kinder?

Wir sind davon überzeugt, dass die ersten sieben Jahre im Leben eines Kindes äußerst wichtig sind und die in dieser Zeit gesammelten Erfahrungen den späteren Lebens- und Bildungsweg maßgeblich mitbestimmen. Unser Kindergartenprogramm setzt daher auch auf gezielte Mitarbeit der Eltern. Das ist zunächst leichter gesagt als getan, aber mittlerweile machen die meisten Eltern mit und versuchen, unsere Arbeit so gut es geht auch zuhause zu unterstützen.

Welches pädagogische Konzept steckt in Bait al-Shams?

Wir arbeiten auf der Basis der Waldorfpädagogik.

Warum der waldorfschulische Hintergrund bei Bait al Shams? Ginge „entwickeln“ nicht schneller, wenn man einen Hightech-Kindergarten mit digitalen Geräten eröffnete, um die Kids „schnell anschlussfähig“ an die neue, digitale Zeit zu machen?

Der Entschluss, sich für die Waldorfpädagogik zu entscheiden, war ein sehr bewusster. Vor allem deshalb, weil er das ganzheitliche Lernen unterstützt. Unser pädagogischer Ansatz ist eher integriert als fachbasiert orientiert und fußt darauf, durch Nachahmung zu lernen, weniger durch direkte Anweisungen.

0C6A1471Unsere Kinder spielen ganz viel! Die meisten konnten das gar nicht, als sie zu uns in den Kindergarten kamen. Das Spielen musste gelernt werden und auch die Eltern mussten verstehen, dass das Spielen für die Kinder wahnsinnig wichtig ist. Hierbei wird Kreativität gefördert, Sozialkompetenzen, positive und negative Erlebnisse werden verarbeitet.

Die Waldorfpädagogik ist auch stark rhythmusorientiert, wir legen Wert auf regelmäßige tägliche und wöchentliche Aktivitäten. Das ist sehr heilsam und gibt den Kindern, insbesondere denen, die in ihren jungen Jahren schon viel erlebt haben, wie zum Beispiel den Krieg in Syrien, Sicherheit und Struktur. Konnten die Kinder anfangs nicht frei spielen, so kommen sie nun morgens und erobern ihren Raum, spielen einfach los. Und wissen dann ganz genau, was danach kommt.

Jedes Kind hat einzigartige körperliche, emotionale und intellektuelle Eigenschaften, deren Entwicklung wir mit individueller, einfühlsamer Betreuung Rechnung tragen wollen. Dieses Lernen sollte selbstmotiviert sein, was bedeutet, dass das Kind die Welt auf die Art und Weise kennenlernen soll, die am besten zu ihm passt – mit Gefühl, Berührung, Erforschung und Imitation.

Ich denke, dass sich die digitale „Anschlussfähigkeit“ von selbst ergibt. Meiner Meinung nach sollte das aber zu einem Zeitpunkt geschehen, an denen es den Kindern möglich ist, verantwortlich und vor allem bewusst, mit den digitalen Geräten umzugehen. Also eher später als früher. Insbesondere, weil man ja heute weiß, wie schädlich ein hoher Medienkonsum für die Gehirnentwicklung von Kindern und Jugendlichen ist. Zudem muss man sich fragen, was denn in der heutigen Welt wichtig ist – und das ist sicher nicht ausschließlich, sich mit digitalen Geräten auszukennen.

Hast du eigene Erfahrungen mit dem pädagogischen Ansatz gesammelt und inwiefern haben diese dich dazu bewegt, das Konzept nach Shatila zu tragen?

Meine eigenen Kinder besuchen beide Waldorfschulen – ich habe mich viel damit auseinandergesetzt, was mir wichtig ist und was mir woanders fehlt. Ich kann mir nicht vorstellen, meine Kinder an eine andere Schule zu schicken. Erziehung kann nicht nur Kenntnisse und Fertigkeiten vermitteln. Sie muss mit „allen Sinnen“ erfolgen, also geistige, seelische und körperliche Aspekte beinhalten. Ich denke, dass die Waldorfpädagogik insgesamt sehr heilsam ist und das Kind in den Fokus rückt.

Denn es geht ja schließlich um die Kinder, es geht nicht darum, wie ein Erwachsener lernt. Sondern darum, wie Kinder lernen, wie man ihnen den Spaß am Lernen lässt – denn Kinder wollen von sich aus lernen. Sie bringen ganz viel Begeisterung mit auf die Welt, sie wollen interagieren, entdecken, erforschen. Aber eben aus sich selbst heraus. Wir Erwachsene sind meiner Meinung nach dazu da, die Kinder darin zu unterstützen.

0C6A1547Inwiefern helfen die „analogen Fertigkeiten“ den Kids, fit für das digitale Zeitalter zu werden?

Es gibt nicht umsonst den Begriff der „digitalen Demenz“, unser Gehirn baut bei intensiver Nutzung digitaler Medien ab. Kinder und Jugendliche sind oft kaum noch lernfähig, symptomatisch sind Aufmerksamkeitsstörungen, Stress, Depression – und auch zunehmende Gewaltbereitschaft. Ich denke, dass wir hier etwas tun müssen. Was übrigens nicht bedeutet, dass ich ein Gegner digitaler Medien bin. Aber Kinder aus Bequemlichkeit vor diesen zu parken, geht gar nicht. Man selbst muss es aushalten, dass sich das Kind auch mal langweilt. Nur so entsteht etwas.

Neben der Entwicklung der motorischen Fähigkeiten sorgen analoge Fertigkeiten auch dafür, dass die Kinder lernen, sich auf eine Sache zu konzentrieren, etwas durchzuhalten, was vielleicht nicht einfach ist. Dass sie am Ende jedoch mit dem Ergebnis belohnt werden, etwas Greifbares geschaffen zu haben.

Die heutige Zeit stellt Kinder vor enorme Herausforderungen. Einerseits werden zunehmend Selbstständigkeit, Kreativität und Teamfähigkeit gefordert. Die Fähigkeit, vernetzt, analytisch und flexibel zu denken und einen Überblick zu bekommen, wird immer wichtiger. Die Pädagogik muss darauf reagieren. Die Kinder müssen in ihrer Eigenständigkeit gefördert werden. Sie müssen Erfahrungen aus erster Hand sammeln. Die Kinder sollen lernen, aus der Vielzahl an Reizen Essenzielles herauszufiltern, sich selbst ein Bild von der Welt machen, ihren Standpunkt in der Welt finden.

Durch gemeinsames Erarbeiten von Lösungen werden Fähigkeiten wie Kontaktfreude, Empathie und soziale Kompetenz gefördert. Selbstständiges Arbeiten im künstlerischen Bereich hat positive Auswirkungen auf kommunikative, soziale und kreative Kompetenzen.

Wie digital ist das soziale Umfeld der Kinder dort üblicherweise?

Die Kinder verbringen üblicherweise fast den ganzen Tag mit Medien. Aus den benannten Gründen. Mich erstaunt es immer wieder, dass selbst die Großmütter ihre Enkelkinder vor diversen Geräten parken und behaupten, sie wüssten nicht, was sie sonst tun sollten. Obwohl sie selbst ihre Kinder ja beinahe komplett ohne Medien großgezogen haben. Es ist wohl die bereits erwähnte Bequemlichkeit…

0C6A1551Wie wird der Kindergarten / das pädagogische Konzept angenommen…

  • von den Kids?

Die Kinder lieben ihren Kindergarten. Einige möchten sogar ständig dort übernachten.

  • von den Erziehern?

Für die Erzieherinnen ist es eine völlig neue Erfahrung. Viele haben vorher ganz traditionell gearbeitet. Ich muss aber sagen, dass sie alle mit ganz viel Liebe und Herzblut dabei sind. Die Trainer, WaldorferzieherInnen und Lehrer/Innen aus Deutschland und England, die regelmäßig kommen, sind immer wahnsinnig angetan, wie viel schon verinnerlicht wurde und wie schön mit den Kindern gearbeitet wird. Und vor allem, wie ruhig und liebevoll alles abläuft. Ein absoluter Kontrast zu dem Leben auf Shatilas Straßen.

  • von den Eltern?

Es hat ein bisschen Überzeugungsarbeit gebraucht, aber die Eltern sind sehr glücklich mit dem Kindergarten, insbesondere, weil sie positive Veränderungen an ihren Kindern bemerken. Wir haben ein Elternprogramm eingeführt, welches nun im zweiten Jahr auch intensiv mit den Eltern arbeitet. Sie verstehen nun, wie wichtig Spielen ist, wie gut es für die Kinder ist, im Sandkasten zu spielen – auch wenn die Kinder sandig nach Hause kommen. Das war für viele ein Problem. Und auch, dass wir nur im letzten Kindergartenjahr mit dem Vorschulprogramm beginnen – nur eine Stunde am Tag!

  • von den Menschen drum herum?

Ich würde sagen, wir sind mittlerweile akzeptiert. Das war nicht immer so. Die Konkurrenz zwischen den Organisationen ist leider groß. Das liegt vor allem daran, dass viele von den gleichen Spendentöpfen abhängen. Kooperation findet leider nur selten statt. Aber vor kurzem hat uns eine Schulleiterin einer UNRWA-Schule angerufen – die Kinder aus unserem Kindergarten waren ihr bei der Aufnahme positiv aufgefallen. Sie möchte nun mehr wissen über unseren pädagogischen Ansatz. Es ist ein Anfang.

  • von anderen „Entwicklungshelfern“?

Durchaus positiv. Dennoch gibt es ständig die Diskussion, dass wir zu klein sind und nur 55 Kinder betreuen. In der Entwicklungsarbeit geht es leider immer mehr um Quantität als um Qualität.

  • von der Politik?

Dort werden wir bisher nicht wahrgenommen.

Wiebke, wie definierst du Entwicklungshilfe?

Für mich bedeutet Entwicklungshilfe eine Nachhaltigkeit zu schaffen – und zwar in den Herzen und Köpfen der Menschen. Sie sollen es schaffen, die Ideen und Impulse zu erhalten und weiter zu entwickeln. Das kostet Kraft, ist aber am Wirksamsten. Unser gesamtes Team besteht nur aus Menschen aus Shatila. Sie sind die besten Multiplikatoren und sie wissen oft besser, was nötig ist oder wie man etwas erreicht. Entwicklungshilfe bedeutet, etwas gemeinsam mit den Menschen zu entwickeln, was passt. Es ist nicht etwas, was man von außen aufstülpen kann. Partizipation und Zuhören halte ich für wahnsinnig wichtig. Entwicklungshilfe kann man nicht vom Büro aus leisten.

Bait al Shams ist für mich Entwicklungshilfe direkt vor Ort – was kannst du nach gut zwei Jahren Laufzeit berichten: Was bewirkt das Projekt

  • bei den Kindern?

Die Kinder sind glücklich, sie kommen gern in den Kindergarten. Das ist zunächst das Wichtigste. Einige syrische Kinder waren wie schockgefroren, als sie uns kamen. Durch den Rhythmus, die sichere Struktur, den ruhigen Umgang und vor allem Zeit, hat sich dies nach und nach gelöst. Die Kinder sind Teil der Gruppe und machen mit. Das ist ein toller Erfolg, auch für die Erzieherinnen. Die Vorschulkinder haben innerhalb eines Jahres mit nur einer Stunde am Tag das englische und arabische Alphabet, sowie die Zahlen von eins bis zehn, englisch und arabisch, gelernt.

  • bei den Eltern?

Zu den allermeisten Eltern konnten wir ein gutes Vertrauensverhältnis aufbauen. Sie verstehen unseren Ansatz nun viel besser und einige versuchen, vieles auch zuhause umzusetzen. Viele sehen auch den Unterschied zu den älteren Geschwisterkindern, die andere Kindergärten besucht haben. Zudem ist das Bewusstsein gewachsen, dass die Kinder auch ohne Strafen und Drohungen folgen. Einige Eltern haben uns auch gesagt, dass sie bemerkt haben, was eine schöne, saubere, liebevolle Umgebung bewirken kann. Bei den Kindern und auch bei sich selbst.

  • in ihrem Umfeld?

Die Eltern sind eigentlich unsere besten Multiplikatoren, sie erzählen ganz viel von Bait al-Shams. Mittlerweile haben wir eine lange Warteliste.

20170611_174222Welche Pläne hast du für just.childhood?

Wo soll ich anfangen… wir haben so viele Pläne. Unmittelbar suchen wir ein neues Gebäude mit mehr Platz. Aufgrund der extremen Überbevölkerung Shatilas ist es nicht sehr einfach. Wir hätten ein Grundstück in Aussicht und auch die Gelder, es zu erwerben. Aber nicht, um zu bauen. Wenn es ein größeres Gebäude gibt, so möchten wir gern noch ein Familienzentrum einrichten. Viele unserer Eltern brauchen Unterstützung. Manche psychologische, manche brauchen auch Unterstützung bei der Erziehung ihrer jüngeren Kinder, die noch nicht in den Kindergarten gehen.

Außerdem möchten wir gern die Kinder weiter begleiten, die unseren Kindergarten verlassen und zur Schule gehen. Und zwar in Form eines Learning-Support-Programms, welches den Kindern die Möglichkeit bietet, weiter künstlerisch zu arbeiten und ihnen auch bei den Hausaufgaben hilft – mit unseren Lernansätzen. Bestenfalls könnte dies die Grundlage für eine Schulgründung sein. Ein Schritt vorher könnte bedeuten, waldorfpädagogische Elemente in das UNRWA-Schulsystem zu integrieren.

Danke, Wiebke, dass Du Dir – zwischen Hamburg und Beirut – die Zeit für unser Interview genommen hast!

 

Falls ihr mehr über Wiebkes Projekt lesen, sehen und hören wollt – besucht dessen Website, Facebook-Fanpage oder Youtubechannel .

Weil ich als ehrenamtlicher Helfer im deutschen Board von just.childhood bin, nenne ich euch hier auch Möglichkeiten, das Projekt zu unterstützen.

  • Spendenkonto bei der Hamburger Sparkasse

Name: JUST.CHILDHOOD e.V. 

IBAN: DE22200505501252134224

Fotos Shatila (6): Wiebke Eden-Fleig / just.childhood, Interview-Selfie (1): Doreen Brumme

 

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Digitaler Stress (2): Rushing Woman Syndrom. Was Dauerstress mit der Gesundheit von Frauen macht

Von Doreen Brumme

Dr. Libby Weaver ist Biochemikerin. In ihrer Heimat Australien und in Neuseeland gelte sie mit mehr als zehn Büchern zudem als „Rockstar“ unter den Ernährungswissenschaftlern, hörte ich, als Dr. Libby, wie sie dort auch genannt werde, ihr neues Buch „Das Rushing Woman Syndrom. Was Dauerstress mit unserer Gesundheit macht“ in Hamburg vorstellte. Für das Blog Demokratie 4.0 habe ich Dr. Weaver im Anschluss an die moderierte Buchvorstellung interviewt. Lest hier, wie der weibliche Körper und die weibliche Seele auf Stress, auch digital initiierten, reagieren und welche Schritte die Stressexpertin empfiehlt, um das Hamsterrad zu entschleunigen, anzuhalten und daraus auszusteigen.

Vor dem Treffen mit Dr. Libby: I’m a Rushing Woman – Selbsttest

In Vorbereitung auf den Termin mit Dr. Weaver habe ich selbstverständlich das Buch von ihr quergelesen. Darin findet sich gleich zu Beginn ein Selbsttest in Form einer Checkliste mit 40 Anhaltspunkten, der helfen soll, festzustellen, ob ich am Rushing-Woman Syndrom leide. Darunter finden sich Aussagen wie: Die Frau im Dauerstress …

  • antworte „viel zu tun“ oder „gestresst“, wenn man sie frage, wie es ihr gehe,
  • neige zu Überreaktionen, selbst wenn sie es äußerlich nicht zeige,
  • könne sich nicht ruhig hinsetzen, sonst fühle sie sich gleich schuldig … außer wenn sie völlig übermüdet sei … dann setze sie sich hin, fühle sich aber immer noch schuldig,
  • mache sich Vorwürfe, sie wäre als Frau/Mutter/Freundin nicht gut genug

Ich hatte deutlich mehr als sieben Übereinstimmungen – und wurde von Dr. Libby somit im Club der Rushing Woman willkommen geheißen. Auch wenn dies keine Krankheit ist, Wohlbemerkt mit den Worten: „Beim Abstieg vom Stressberg bilden die hier empfohlenen Maßnahmen das perfekte Geländer.“

Das Gruppentreffen mit Dr. Libby

Nach dem eindeutigen Testergebnis waren meine Erwartungen an die angekündigte Hilfe groß. Stress ist Teil meines Lebens, uns verbindet eine Hassliebe. Ich war sehr neugierig auf Erkenntnisse zur biochemischen Wirkung von Stress. Aus welchen Gründen auch immer die anderen Journalisten, Blogger & Co. zum Gruppentreffen mit Dr. Libby erschienen, sie waren zahlreich und Großteils weiblich. Das Thema Stress, insbesondere Dauerstress scheint wichtig und bewegt offensichtlich so manchen Schreiber.

Der moderierte Dialog

Nach einer kurzen Vorstellung stieg Dr. Weaver direkt ins Thema ein. Zuerst nannte sie Symptome wie Schlaflosigkeit, Übergewicht, sexuelle Lustlosigkeit, Regelprobleme und ungewollte Kinderlosigkeit, die Frauen ihr in Beratungssituationen vortrugen. Sie führt diese auf Stress zurück, der

  • sich biochemisch auswirke und damit alle körperlichen Prozesse beeinflusse (Stichworte: Östrogen und Testosteron)
  • von Ernährung buchstäblich genährt werde
  • und auch unsere Emotionen im Griff habe.

Die Frau im Dauerstress beschreibt Dr. Libby als „stets in Eile“. Jede Sache sei ihr „wichtig“. Stress sei ihr zufolge entweder tatsächlich begründet oder selbst gemacht. Die meisten dauergestressten Frauen seien 30, 35 und älter. Sie stünden fest im Leben und begännen, Verantwortung zu übernehmen: im Job und daheim, in einer Beziehung, mit Kindern.

Libby_Eile

Das Aufkommen von Dauerstress als ernstzunehmende Gefahr für die Gesundheit sei zwar nicht auf Frauen beschränkt, doch, so Dr. Libby, wären Frauen davon wegen ihrer traditionellen Rollenentwicklung in der Gesellschaft und ihrer weiblichen Biochemie in noch nie dagewesener Weise und anders betroffen als Männer. Sie erklärt das so: Während Männer es gewohnt seien, zur Jagd (Arbeit) zu gehen und sich danach (biologisch) auszuruhen (in der Höhle am Feuer oder auf dem Loungesofa), beginne für viele Frauen nach der Arbeit die zweite Schicht mit Haushalt, Küche und Kindern. Wir Frauen von heute seien die erste Generation, die diese Art von Dauerstress erlebe. Hinzu komme der Anspruch, mit dem viele von uns aufgewachsen seien und den wir nach wie vor an uns selber stellen würden: „to be a good girl“. Die „good-girl-attitude“, der Wunsch, geliebt zu werden, begründe Dr. Libby zufolge unser Stressverhalten wesentlich, denn Frauen würden ihr ganzes Leben danach trachten, der Welt, insbesondere aber ihren Eltern, zu zeigen, dass sie ihren Aufgaben gerecht würden.

1st Note to myself: Ich muss den Zuspruch an meine Kinder, insbesondere die Mädchen, „Du kannst alles machen!“, überdenken. Ist er nicht auch ein Stressauslöser, gleichwohl er zur Steigerung des Selbstbewusstseins gedacht ist?

Dr. Libby schilderte als Nächstes, wie Stress uns biochemisch krank macht. Auf Stress, ganz gleich, ob echter oder eingebildeter, reagiere unser Körper wie bei einem Schock: Der Blutdruck steige, das Blut ströme in Arme und Beine, nach wie vor: um uns zur Flucht zu befähigen, und damit weg von den Organen, darunter dem Verdauungstrakt (daraus resultieren Verdauungsprobleme) und dem Fortpflanzungssystem (daraus resultieren Fruchtbarkeitsstörungen), und der Adrenalinspiegel steige. Wir bräuchten in dem Stressmoment Energie, die gewinne unser Körper gewöhnlich aus zwei Kraftstoffen, bei Stress leider weniger aus Fett als aus Glykose.

Spannend finde ich auch die folgende emotionale Herangehensweise an Stress: Denn Dr. Libby zufolge, die in uns Frauen

  • sowohl den männlichen Part sieht, der insbesondere auf Herausforderungen reagiere,
  • als auch den weiblichen, der im Leben vor allem all unsere zwischenmenschlichen Interaktionen und Beziehungen am Laufen halte,

versetze Dauerstress uns in eine andauernde (Gefühls-)Lage der Herausforderung. Wir ließen damit dem männlichen Part viel Raum.

Das Gruppengespräch

Die Ausführungen von Dr. Weaver warfen eine Menge Fragen auf. Um Denkanstöße zu liefern, will ich nur auf einige davon eingehen. Auf die Frage, wie frau die eingangs erwähnten ständigen Schuldgefühle (Stichwort: Unzulänglichkeit) loswerden könne, antwortete die Stressexpertin: Stress ist ein anderer Ausdruck für Angst. Er rühre demnach aus Sorge und Angst, das frau nicht genüge, ihre Leistung nicht reiche, um dafür – von wem auch immer – geliebt zu werden. Er rühre also aus Sorge und Angst darüber, was andere von einem denken würden. Eine andere Frage fand ich als 4fach-Mutter interessant: Was passiert mit unseren Söhnen und Töchtern, wenn wir ihnen den Lifestyle einer Rushing Woman vorleben? Auch hier weist Dr. Libby auf die größte Angst eines jeden hin: Nicht gut genug zu sein. Sie rühre aus der Tatsache, dass wir als zu 100 Prozent von anderen abhängige Neugeborene nur ‚geliebt‘ überleben. Als Erwachsene müssten wir lernen, dass wir auch ohne die Liebe anderer überleben können.

2nd Note to myself: Liebe ist nicht leistungsabhängig. Das muss ich mir und meinen Kids noch stärker betonen!

Dr. Libbys Tipps gegen ein Stresstrauma im Hamsterrad

Ich liefere euch hier die Liste aller Tipps gegen Stress, die ich in den anderthalb Stunden mit Dr. Libby notiert habe – mehr davon findet ihr im Buch!

  • Nimm dir morgens 20 Minuten Zeit / Raum für einen Spaziergang! genieße die frische Luft und den Marsch.
  • Versuche Dich kennenzulernen! Reflektiere dich! Wer bist du?
  • Koffein wie in Kaffee ist purer Stress! Der Körper unterscheide nicht, ob frau einem Tiger gegenüberstünde oder ihre to-do-Liste lese und dabei einen Kaffee trinke.
  • Apropos to-do-Liste: Lies sie nicht im Bewusstsein, dass du sie heute abarbeiten musst, sondern, dass du es tun willst!
  • Frag dich, warum du eine vermeintliche Stressituation als Stress empfindest. betreibe ausgiebig Ursachenforschung!
  • Achte auf deine Ernährung! Iss viel Gemüse!
  • Zieh dich um, wenn du von der Arbeit nach Hause kommst. Zünde eine Kerze an! Koch dir Tee in einer schönen Tasse! Genieße die weibliche Seite von dir und lass ihr freien Lauf.
  • Beweg dich, treibe Sport! Aber bitte ohne, dass du dir mit dem Anspruch an Bewegung gleich neuen Stress bereitest!
  • Achte auf deine Atmung! Stress atmet flach! Flachatmung steigert den Adrenalinspiegel.

LibbyFlipchart

Wie entstresst Dr. Libby ihr eigenes Leben?

Die mir wichtigste Message, die ich aus Dr. Libbys Mund mitnehme, kam rüber, als die Stressexpertin nach ihrem persönlichen Rezept gefragt wurde, ungesunden Stress aus ihrem Leben möglichst rauszuhalten. Dr. Libby sagte, ihr Leben sei zwar voll und sehr bewegt, aber nicht stressig. Dafür tue sie viel. Sie beschrieb zunächst,

  • dass sie sehr viel Grünzeug esse, auch in Form von zu Pulver verarbeiteten Pflanzenteilen (Stichwort: Green Powder),
  • dass sie sehr bewusst atme
  • und (jetzt kommt’s!) dass sie dankbar sei. Dankbar für Zugang zu frischer Luft, gutem und gesundem Essen, für ihre Familie …

Wortwörtlich sagte Dr. Libby: „Stress und Dankbarkeit herrschen nicht gleichzeitig“. Für mich heißt das: In Momenten, in denen ich dankbar bin, bin ich frei von Stress.

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Dr. Libby mit mir im Einzelgespräch: Ist digitaler Stress auch nur Stress?

Ihr habt es bemerkt, ich habe diesen Blogpost wie einen Beratungstermin mit und bei Dr. Libby formuliert. Denn so kam ich mir auch vor: Nicht nur als beobachtende und berichtende Journalistin mit der nötigen Distanz zum Thema, sondern auch als gerushte Frau. Ich lechzte persönlich nach Rat, weil ich ein Leben full of Stress lebe, den ich zwar oft als gesunden Eustress empfinde, aber eben auch häufig genug als andauernd seelisch und körperlich schmerzenden Disstress (siehe dazu den ersten Teil dieser Serie). Und natürlich war ich in einer „dienstlichen“ Mission unterwegs: Ich wollte herausfinden, welche Rolle Digitalität bei der Erzeugung von Stress spielt.

Geduldig wartete ich nach der Gruppensitzung auf mein persönliches Zusammentreffen mit Dr. Libby. Das entwickelte sich tatsächlich eher als Gespräch auf dem weißen Sofa denn als Interview. Die Frau war in ihrem Element: im Beratungsmodus. Ich stellte mich und mein Anliegen vor und … kam gar nicht weit, weil Dr. Libby mir ihre Hand auf den Arm legte und mich persönlich in ein Gespräch zog.

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Auch digitaler initiierter Stress, so sagte sie mir, sei für den Körper als solcher schädlich. Wobei es immer darauf ankomme, inwieweit wir den Stress als Disstress empfinden würden. Sind wir beispielsweise froh über die neuen Möglichkeiten, die die Digitalität uns eröffnet, oder nehmen wir diese nur als weiteren Stress wahr? Hinzu käme, dass Digitalität in Form von „digital devices“ eine technische Seite besäße, deren Auswirkungen auf den Körper längst nicht in aller Tiefe bekannt seien. Insofern sei digital verursachtem Stress in Unkenntnis dessen nicht nur mit der Reflexion seiner Wirkung auf biochemischer Ebene zu begegnen, sondern auf ganzkörperlicher. Hier wies Dr. Libby daraufhin, dass die Wirkung des Monitorlichts, der Funksignale, der oft über Kopfhörer empfangenen Geräuschkulisse von MP3-Player & Co. auf unseren Körper durchaus weiterer Forschung bedarf. Sie sei gespannt, was da an Erkenntnissen noch komme. Bis dahin riet sie mir, sollte ich mit digitalem Stress genauso zu verfahren wie mit „analogem“: Es komme in jeder digitalen Stresssituation auf meine Wahrnehmung an – und auf die Konsequenzen, die ich daraus zöge.

Drei Wochen danach

Insbesondere auf meine Atmung achte ich seitdem bewusster. Und ich konzentriere mich häufiger darauf, dankbar zu sein für das, was ich bin und was ich habe. Euch empfehle ich an dieser Stelle die Lektüre von Dr. Libbys Buch. Es hilft, innezuhalten, das Hamsterrrad und sich selbst darin zu hinterfragen. Allein das lässt das Rad langsamer werden. Selbst gemacht, selbst erlebt. Ich wünsche euch: Viel (Selbst-)Erkenntnis bei der Lektüre!

Infos zum Buch: Dr. Libby Weaver: „Das Rushing Woman Syndrom. Was Dauerstress unserer Gesundheit antut“, TRIAS Verlag, Stuttgart 2017, ISBN Buch: 9783432104331, ISBN E-Book: 9783432104355, Preis Buch: 19,99 Euro (D), 20,60 Euro (A), Preis E-Book: 15,99

Fotos: Doreen Brumme

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Die Kehrseite der Digitalität: Digitaler Stress (1)

Von Doreen Brumme

Wir setzen uns hier auf dem Blog mit Demokratie 4.0 auseinander. Dazu gehört auch, aufzuzeigen, welche Nebenwirkungen der digitale Lifestyle politischen Systemen bringt. Digital initiierter Stress ist so eine Nebenwirkung, der sich kaum einer erwehren kann: weder der gewählte politische Akteur, noch sein stimmgewaltiger Wähler. Grund genug, sich mit Stress im Allgemeinen und digitalem Stress im Besonderen zu beschäftigen. Was digitaler Stress ist, soll dieser erste Artikel dieser kleinen Reihe klären.

Was ist Stress?

Wir geraten unter Stress, wenn wir von inneren und äußeren Reizen oder Belastungen beansprucht werden. Die Beanspruchung ist nach dieser Stressdefinition also eine Auswirkung der Reize oder Belastungen. Wobei die Reize und Belastungen unterschiedlicher Natur sein können:

  • natürlich oder künstlich,
  • biotisch oder abiotisch
  • und physisch oder psychisch.

Wir empfinden die Reize und Belastungen positiv oder negativ. Ihre Wirkung hat entsprechende Vorzeichen. Unser Umgang damit, variiert von Mensch zu Mensch und ist abhängig von unseren individuellen Eigenschaften, darunter auch unserer Gesundheit, und unseren kognitiven Fähigkeiten. Und mögliche Reaktionen darauf sind:

  • Aggression,
  • Flucht,
  • Verhaltensalternativen,
  • Akzeptanz, Änderung von Konditionen
  • oder Leugnung der Situation.

Disstress und Eustress

Man unterscheidet positiven (Eustress) von negativem Stress (Disstress). Ersterer entsteht als Reaktion auf Stressoren, die unseren Organismus zwar beanspruchen, aber förderlich wirken. Wir werden zum Beispiel aufmerksamer und leistungsfähiger. Wikipedia beschreibt folgende Eustress-Situation:

„Eustress trete demnach beispielsweise dann auf, wenn wir zu bestimmten Leistungen motiviert seien und Zeit und Möglichkeiten hätten, uns darauf vorzubereiten. Oder wenn wir eine Krisensituation oder Krankheit positiv angegangen seien, bewältigt und überwunden hätten.“

Im Ergebnis dessen könnten wir sogar Glücksmomente empfinden. Eustress wirke sich demnach auch bei häufigem, längerfristigem Auftreten positiv auf die psychische oder physische Funktionsfähigkeit unseres Organismus aus.

Stress würden wir erst dann negativ empfinden, wenn er oft oder auf Dauer auftrete und körperlich und/oder psychisch nicht zu kompensieren sei. Er wirke dann unangenehm, bedrohlich oder überfordernd. Beispiele seien anstehende Klausuren ohne Zeit oder Fähigkeit zum Lernen, eine trotz Ärztebesuch unklare Diagnose oder eine nicht anerkannte Erkrankung sowie eine wegen Lärms unerträgliche Wohnung ohne die Möglichkeit zum Umzug.

Wirkung von Eustress vs. Disstress

Infolge von Disstress erhöht sich die Anspannung unseres Körpers. Wir schütten Neurotransmitter und Hormone aus, darunter Adrenalin und Noradrenalin, und unsere Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit nehmen unter dauerhaftem Disstress ab. Wichtig: Disstress schadet unserem Organismus dann, wenn die Beanspruchung über den Bereich der gemäß unserer individuellen Physis und Psyche möglichen Anpassung und Reparaturfunktionen hinaus erfolgt. Dann führt Stress zur Beeinträchtigung des Stoffwechsels. Er behindert damit die natürlichen Reaktionen unseres Immunsystems auf Einwirkungen aller Art.

Die Liste möglicher Reaktionen auf Stress ist lang, dennoch gehört sie, zumindest ihre Schwerpunkte bei Erwachsenen, hierher:

  • Gehirn: Abbau von Gehirnmasse, Einschränkung der Emotionalität, Durchblutungsstörungen im Gehirn,
  • Gefühle: Traurigkeit, Verlustangst, Ärger, Schuld, Vorwürfe, Angst, Verlassenheit, Müdigkeit, Hilflosigkeit, „Schock“, Jammern, Taubheit, Leere, Hoffnungslosigkeit, Deprivation, Demütigung, Steigerung des aggressiven Verhaltens, Bewegungsdrang, Gereiztheit, emotionsloses Denken,
  • Kognition: Ungläubigkeit, Verwirrung, Vorurteile, Konzentration, Halluzinationen, Depersonalisation, Vergesslichkeit,
  • körperlich: Schwitzen, Übelkeit, Enge in Kehle und Brust, Übersensibilität bei Lärm, Atemlosigkeit, Muskelschwäche, Verspannung von Muskeln, Mangel an Energie, trockener Mund, Magen- und Darmprobleme, zeitbedingte Impotenz, Haarausfall, schlechtes Hautbild, rötliche Augen, verminderte Mimik, Herzstechen, Hörsturz, Gelenkschmerzen, Hautausschlag, Schwächung des Immunsystems, Magnesium- und Kalziummangel, langfristige Störung des Verdauungsprozesses sowie erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt
  • Verhalten: Verminderte Kreativität, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Geistesabwesenheit, sozialer Rückzug, Träume über das Ereignis, Vermeidung von Nähe zu Tatort oder ähnlichen Situationen, Seufzen, Aktivismus, Weinen, Hüten von „Schätzen“.

Was ist digitaler Stress?

Der Auslöser digitalen Stresses ist die Digitalität. Klingt zu abstrakt? Dann schreibe ich statt Digitalität digitale Welt. Und meine damit digitale Informations- und Kommunikationstechnologien, ausgelegt als Software und Hardware. Professor Dr. Leonard Reinecke hat Digitalen Stress im Denkraum für Soziale Marktwirtschaft definiert: Demnach brächten neue Informations- und Kommunikationstechnologien sicherlich „ein großes Maß an Bereicherung und Autonomie“ mit sich. Mindestens im gleichen Maße würde davon jedoch unser Handlungsspielraum eingeschränkt. Die ständige Erreichbarkeit bedeute, dass wir immer stärker mit Informations- und Kommunikationsanforderungen konfrontiert seien. Das Ergebnis sei digitaler Stress. Er entstehe zum einen infolge der Menge an Informationen, die wir mit digitalen Technologien bekämen. Zum Beispiel, wenn mehr Nachrichten auf uns hereinprasseln, als wir verarbeiten können. Oder wenn wir mehrere Medien gleichzeitig nutzen. Zum anderen gebe es psychologische Mechanismen wie sozialer Druck und die Erwartung, eingetroffene Nachrichten sofort zu beantworten, sowie die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen, sobald man das Smartphone nicht ständig im Blick behalte. Professor Reinecke sagt: „Unsere Forschung zeigt auch, dass sich digitaler Stress negativ auf die Gesundheit auswirkt und das Risiko von Depressionen und Burnout erhöhen kann.“

Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass Forscher des Bonner „Menthal Balance“-Projekts, die via eine App das Verhalten von 60.000 Smartphone-Nutzern beobachten, bereits herausgefunden hätten, dass jeder Nutzer pro Tag im Schnitt 88-mal das Smartphone einschalte, davon 35-mal, um die Uhrzeit zu checken oder nach neuen Nachrichten zu schauen. 53 Mal werde das Smartphone zum Surfen, Chatten oder um eine andere App zu nutzen, eingeschaltet. Alle 18 Minuten unterbrachen die freiwilligen Probanden der Studie ihre Tätigkeit, um online zu sein.

Der Ärztin und Stressexpertin Dr. Sabine Schonert-Hirz zufolge bedeute jedes einzelne der 88 Male für unser Gehirn, dass ein neues neuronales Netzwerk angesteuert und aktiviert werde. Jedes Mal werde Energie in Form von Glukose (Einfachzucker) verbraucht, würden Botenstoffe benötigt, würden kleine elektrische Impulse erzeugt. Ein aufwendiges Geschehen, das fehleranfällig sei und uns erschöpfe. Digitaler Stress mache uns demnach fehleranfällig: Werde das Gehirn ständig aus der gerade laufenden Informationsverarbeitung, dem Denken, gerissen, gehe ein Teil der Netzwerkaktivierung, sprich: der Inhalte, verloren. Ständige „digitale Unterbrechungen“ machten uns vergesslich, wir könnten nicht mehr alles in Ruhe durchdenken. Dadurch komme es zu schlechten Entscheidungen oder unkreativen Lösungen. Gleichzeitig würden wir unseren Stresspegel erhöhen, immer nervöser und unkonzentrierter werden. Manche entwickeln laut Dr. Schonert-Hirz regelrechtes Suchtverhalten und bekämen Angst, wenn sie nicht ständig auf das Smartphone schauten.

Und nicht nur das: Gute Arbeit, so die Stressexpertin, brauche Denktiefe. Neue Produkte und gute Ideen bräuchten demnach kreative Prozesse, die nur dann optimal liefen, wenn die Suchmaschinen unseres Gehirns Zeit hätten, im letzten Winkel unserer Hirnrinde eine Information zu finden, die das Problem endlich gut löst: Wir bräuchten eben nicht nur die für unseren digitalen Lifestyle typische schnelle digitale Kommunikation, die durchaus Zeit spare und uns rasch mit allen nötigen Infos versorge, sondern auch ruhige, ungestörte Denkzeiten.

Digitaler Stress – ein Suchtauslöser?

Dass wir heute kaum die Finger vom Smartphone lassen können, sehen die einen als Zeichen einer Sucht, während andere gegen diese These angehen. Bert te Wildt ist der Leiter der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bochum. Er argumentiert im Spiegel, dass das Handy ein kleiner Computer sei, den wir immer bei uns trügen. Und deshalb ließen sich die Ergebnisse aus der Internetsuchtforschung größtenteils auf das Smartphone übertragen. Der Experte gehe laut dem Spiegel davon aus, dass beim Scrollen über den Handyscreen die gleichen Stoffwechselvorgänge im Gehirn aktiviert würden wie bei Drogensüchtigen: „Die ständige Kommunikation mit Freunden oder Arbeitskollegen über soziale Medien wie Facebook scheine dabei das größte Suchtpotenzial auszumachen. Denn dort erhalten wir Aufmerksamkeit und Anerkennung“, sagte te Wildt.

Fazit:

Dem Diktat des digitalen Lifestyles kann sich kaum ein Zeitgenosse entziehen. Nicht der, der Politik macht, und nicht der, in dessen Auftrag Politik gemacht wird. Wenn digitaler Stress aufkommt, dann resultieren daraus immense Folgen, die das Denken und Handeln des Betroffenen wie beschrieben maßgeblich beeinflussen. Doch während Fehlentscheidungen, die in digital initiierten Stresssituationen getroffen werden, dem Otto-Normal-Bürger wegen geringerer politischer Schwere noch verziehen werden, sind sie in der großen Politik in der Regel unverzeihlich.

Als Politologin sehe ich einen Politiker als Menschen. Ein Mensch, der Privatsphäre braucht wie du und ich. Zum Auftanken der geleerten Batterien. Zum Leben und Lieben. Zum Lachen und Weinen. Zum Verzweifeln und Hoffen. Zum Trauern und Träumen. Die digitale Allgegenwärtigkeit nimmt Menschen, die wie Politiker unter öffentlicher Beobachtung stehen, viele Gelegenheiten dazu. Das bleibt nicht folgenlos.

Ein digital gestresster Politiker gerät mit seiner Fehlentscheidung heute in einen mir teuflischer anmutenden Kreis als ein Otto-Normal-Bürger. Denn Digitalität bedeutet nicht nur ständige Erreichbarkeit für Belange des auszufüllenden politischen Amtes, sondern auch ständige Sichtbarkeit. Nichts bleibt heute ungesehen: Kein Dösen in der stundenlangen Bundestagssitzung, keine Meinungsäußerung am Rednerpult oder zwischen Tür und Angel des Plenarsaals, kein Post im Facebook-Profil und kein dem Nachbarn dahingeworfener Satz auf dem Weg zur Mülltonne. Ein Politiker steht heute nicht mehr nur im Fokus der Medienkameras, sondern jedes Smartphonebesitzers, der ihn als Politiker erkennt und sein Reden und Tun in Wortlaut, O-Ton und Bild (bewegt der unbewegt) festhält und der Öffentlichkeit zuträgt. Jedes Wort bekommt politisches Gewicht, ganz gleich, ob lange durchdacht oder unbedacht gesagt.

Ich will hier nicht darüber schreiben, dass das politische Amt ein selbstgewähltes Schicksal ist. Vielmehr will ich auf die Seite der Digitalität hinweisen, die jeden zum Sender und Empfänger von Information im weitesten Sinn und politischer Information im engsten macht. Sie erhöht damit die Teilhabe aller am politischen Geschehen. Großartig! Zugleich trägt sie so jedoch zur Steigerung von digitalem Stress bei. Denn sie nimmt uns allen, insbesondere aber den Entscheidern, Gelegenheiten, zu denken. Nachzudenken. Und in Ruhe zu entscheiden.

Nun möchte ich keineswegs die Zeit ins Analoge zurückdrehen. Nein, dafür bin ich viel zu sehr eine digitale Woman. Doch ich will Wege aufzeigen, aus dem digitalen Stress herauszukommen. Darum geht es im kommenden Artikel um das „Rushing Woman Syndrom“ im Allgemeinen und dessen digitale Ursachen im Besonderen. Seid gespannt auf mein Interview mit Dr. Libby Weaver aus Australien zum Thema, die mir den einen und anderen Tipp mit auf den Weg aus dem digitalen Stress gegeben hat.