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Die Digitale Gesellschaft oder Twitter Meldungen machen keine Politik

Von Thomas Nasswetter

Welche Auswirkungen hat die Digitalisierung der Gesellschaft auf das System Demokratie?

Wir kennen alle das Schlagwort von der Industrie 4.0: Vernetzte roboterbestückte Fabriken, Maschinen die mittels KI (Künstlicher Intelligenz) die Produktionsprozesse selbständig immer weiter verbessern, globale Prozessketten in der alle an der Wertschöpfung Beteiligten miteinander verbunden sind und Fabrikgelände in denen Menschen nur mehr vereinzelt als Wächter, Wartungstruppe oder Aufseher vorkommen.

Natürlich macht diese Vorstellung vielen Menschen Angst. Denn viele sehen den Arbeitsplatz, an dem sie in Zukunft gebraucht werden nicht mehr. Auf der anderen Seite wird immer wieder betont, dass viele Unternehmen – vor allem Mittelständische – kaum, sehr wenig oder gar nicht auf die Digitalisierung und damit auf die Industrie 4.0 vorbereitet sind.

Die Digitalisierung ist da!

Und das, obwohl die Digitalisierung mitten in unserer Gesellschaft angekommen ist. Heute eröffnet uns das Möglichkeiten, von denen meine Generation – ich bin Jahrgang 1965 – noch nicht einmal zu träumen wagte. Ein aktuelles Smartphone besitzt eine Rechenleistung, die ähnlich groß ist, wie die der NASA für das Mondlandeprogramm in den 1960ern. Wir tragen diese Dinger zu Millionen in unseren Hosen- und Handtaschen mit uns herum.

Wir machen damit Fotos und Videos, zeigen sie unseren Freunden und Bekannten in den Sozialen Medien und wickeln einen großen Teil unseres täglichen Lebens damit ab. Rund 150 Mal pro Tag blicken wir jeden Tag auf unser Smartphone. Und das, obwohl wir arbeiten und schlafen. Ein Tag ohne Smartphone wird mittlerweile zur persönlichen Höchststrafe und gleicht einem temporären Ausschluss aus der Gesellschaft.

Disruptive Veränderungen – Hello World

2004 ging Facebook online, heute kommunizieren 1,7 Milliarden Menschen damit. Der Großteil macht das mittlerweile von mobilen Geräten aus. Die Menschen sind offenbar sehr offen gegenüber diesen gewaltigen Neuerungen in der Art mit anderen zu kommunizieren. Es ist leicht zu lernen und macht Spaß. „Hallo World“ hat eine ganz neue Dimension erhalten.

Natürlich geht das in der Industrie nicht so leicht. Da ist es nicht leicht, zu lernen und es macht vielen keinen Spaß. Wenigstens sind die Zeiten vorbei, als Vorstände stolz darauf waren, nicht in Facebook, Twitter oder WhatsApp zu sein. Diese konservative Haltung hat gerade in der deutschen Industrie sehr viel Innovation verhindert. Digitalisierung hat zu lange die Aura einer privaten Müßigkeit gehabt.

Mitten im Spiel mit ungewissem Ausgang

Während russische und chinesische Hacker zur Weltklasse zählen und riesige Bot-Netze betreiben oder den (Klassen-)Feind auf kreativste Weise ausspionieren und die NSA sich fast offiziell an die Spitze der Industriespionageorganisationen gesetzt hat, ist den meisten Deutschen Unternehmensführungen noch immer nicht ganz klar, wie das Spiel Industrie in Zukunft gespielt wird. Obwohl sie schon mitten im Spiel sind. Noch blenden die Erfolge der Vergangenheit, doch fast in allen Branchen stehen Disruptoren wie Elon Musk bereit oder sind schon am Zug. Wenige davon kommen aus Deutschland. Und noch schlimmer sieht es in der Politik aus oder besser gesagt, bei den Politikern, Verbänden, Interessensvertretungen und Lobbyisten.

Die Politik(er) ist (sind) bestenfalls weltfremd

Das Motto lautet: Vielleicht ein wenig E-Voting und Mitbestimmung übers Netz gepaart mit einem intelligenten Wahlkampf in den Sozialen Medien. So scheint es, stellen sich noch viele Politiker_innen ihre Rolle in der digitalisierten Gesellschaft vor. Die AfD und die FPÖ haben es ja vorgemacht und sind im Internet stark. Und das bisschen Facebook, das kriegen wir schon hin.

Dass die AfD in Wahrheit keine digitale Strategie hatte und der Boom in den Sozialen Netzen eine soziologisch recht einfach erklärbare Tatsache und damit fast ausschließlich Zufall war, das ist bei den politischen Vorständen noch nicht so recht angekommen. Es bleibt bei zaghaften und manchmal krampfhaften Versuchen. Und es gibt ein paar Early-Adaptor, heute reichlich spät.

Donald Trump hat vorgemacht, wie man via Twitter und 140 Zeichen eine Wahl schlägt und zeigt uns gerade recht deutlich, dass auch der mächtigste Mann der Welt, damit keine Chance hat, reale Politik zu machen.

Politik in einer Demokratie bleibt ein komplexes System

Hier schließt sich der Kreis. Während also die Digitalisierung der Gesellschaft weiter zügig voranschreitet und die Menschen einfach mitmachen und nebenbei fast ausschließlich US-amerikanische Unternehmen den Lead besitzen, hat das System Wirtschaft im deutschsprachigen Raum zumindest einigen Handlungsbedarf. Die Politik aber ist noch in einer kindlichen Try & Error Phase.

Try & Error hilft aber im Umgang mit komplexen Systemen nichts, weil es zu viele Parameter und zu viele nichtlineare Prozesse gibt. Der Umgang mit der Politik in einer digitalisierten Gesellschaft muss deutlich ernster und wesentlich breiter angegangen werden. Das betrifft nämlich nicht nur die Poliker_innen, sondern alle Stakeholder an politischen Prozessen und damit letztlich auch die Bürger_innen selbst.

Denn eines ist klar, eine Facebook- oder Twitter-Meldung macht noch keine Politik. Das gilt sowohl für Lieschen Müller als auch für Donald Trump.

Das Zauberwort heißt wie überall „digitale Strategieentwicklung“ – in Politik, Gesellschaft und Industrie! Und zwar bevor eines der Systeme kippt.