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Transparenz statt Lobbyismus hinter verschlossenen Türen!

von Frank Freimuth

Lobbyismus: Heimliches Machtzentrum der Politik

Wenn es um Einfluss in der Politik geht halten viele den Lobbyismus für das eigentliche, heimliche Machtzentrum Deutschlands. Das ist nicht weiter verwunderlich, denn bekanntlich versucht eine ganze Armada von Lobbyisten Einfluss auf die Politik zu nehmen. Vorsichtig geschätzt sind es in Berlin fünftausend und in Brüssel über fünfzehntausend Interessenvertreter.

Intransparenz des Lobbyismus gefährdet Demokratie

Hohes Ansehen genießt der Lobbyismus aber bekanntlich nicht. Ganz im Gegenteil:
Er ist ein Synonym für „Einflüsterei“, heimliche Absprachen hinter „verschlossenen Türen“ oder die Nähe zu Korruption und Vetternwirtschaft. Und dabei ist es nicht das konsequente Vertreten von Interessen, das zu Bauchschmerzen führt. Ohne politische Interessenvertretung würde unsere Demokratie schließlich nicht funktionieren. Es ist vor allem der Eindruck illegitimer und ungerechtfertigter Einflussnahme auf die Politik. Deshalb kritisiert z.B. Transparency International, dass bei uns für Bürger kaum nachvollziehbar ist, auf welche Weise sich Lobbyisten Zugang zu Politikern verschaffen und wo sie Einfluss auf Gesetzestexte nehmen. Und auch die deutsche Initiative LobbyControl legt mit dem Hinweis, dass die mangelhafte Transparenz des Lobbyismus demokratische Kontrollmöglichkeiten erschwert den Finger in die Wunde. Mit einem Wort: Es ist die Intransparenz des Lobbyismus, die vielen auf den Magen schlägt und die unsere Demokratie gefährdet.

Das neue politische Einflusszentrum heißt Transparenz

Deshalb sind Transparenzvorschriften, wie sie etwa auf europäischer Ebene eingeführt worden sind, ein Schritt in die richtige Richtung. Im digitalen Zeitalter beantwortet sich die Kardinalfrage der politischen Interessenvertretung allerdings vollkommen anders und neu – nämlich durch die Gesetzmäßigkeiten politischer Onlinekommunikation. Hier ist Transparenz das oberste Gebot. Dazu ein Beispiel:

Trotz der üblichen parlamentarischen Anhörungsverfahren bleiben die eigentlichen Lobby-Interessen auf Gesetzgebungsverfahren oft im Dunkeln. Die Möglichkeiten moderner Onlinekommunikation machen es einfachen Mitteln möglich, diese sichtbar zu machen. So liefert z.B. die Internetplattform „Wertstoffgesetz-Fakten.de“ eine Zeitleiste, auf der die Einflüsse auf den entsprechenden Gesetzgebungsprozess sichtbar gemacht werden. Aufgelistet sind hier auch die entscheidenden Dokumente sowie die Statements der Stakeholder. So sind Einflüsse auf das Gesetzgebungsverfahren transparent und für jeden nachvollziehbar abgebildet. Ergänzend wird auf dem „Wertstoffblog“ eine sachorientierte politische Debatte geführt, an der sich jeder beteiligen kann.

Das verdeutlicht: Im Onlinezeitalter greifen intransparente Methoden und Mechanismen des traditionellen Lobbyismus immer weniger. Politischer Einfluss muss sich heute neu legitimieren und am Maßstab der Transparenz messen lassen. Das digitale Zeitalter ermöglicht und fordert also neue Methoden der politischen Interessenvertretung durch professionelle Onlinekommunikation, die sich ganz bewusst an Transparenzkriterien ausrichten. Es gilt: Schluss mit dem Lobbyismus hinter verschlossenen Türen! Im digitalen Zeitalter heißt das neue politische Einflusszentrum Transparenz. Wer sie vorantreibt bestimmt im Onlinezeitalter das Tempo der politischen Debatte.

 

 

Gras

Die Kehrseite der Digitalität: Digitaler Stress (1)

Von Doreen Brumme

Wir setzen uns hier auf dem Blog mit Demokratie 4.0 auseinander. Dazu gehört auch, aufzuzeigen, welche Nebenwirkungen der digitale Lifestyle politischen Systemen bringt. Digital initiierter Stress ist so eine Nebenwirkung, der sich kaum einer erwehren kann: weder der gewählte politische Akteur, noch sein stimmgewaltiger Wähler. Grund genug, sich mit Stress im Allgemeinen und digitalem Stress im Besonderen zu beschäftigen. Was digitaler Stress ist, soll dieser erste Artikel dieser kleinen Reihe klären.

Was ist Stress?

Wir geraten unter Stress, wenn wir von inneren und äußeren Reizen oder Belastungen beansprucht werden. Die Beanspruchung ist nach dieser Stressdefinition also eine Auswirkung der Reize oder Belastungen. Wobei die Reize und Belastungen unterschiedlicher Natur sein können:

  • natürlich oder künstlich,
  • biotisch oder abiotisch
  • und physisch oder psychisch.

Wir empfinden die Reize und Belastungen positiv oder negativ. Ihre Wirkung hat entsprechende Vorzeichen. Unser Umgang damit, variiert von Mensch zu Mensch und ist abhängig von unseren individuellen Eigenschaften, darunter auch unserer Gesundheit, und unseren kognitiven Fähigkeiten. Und mögliche Reaktionen darauf sind:

  • Aggression,
  • Flucht,
  • Verhaltensalternativen,
  • Akzeptanz, Änderung von Konditionen
  • oder Leugnung der Situation.

Disstress und Eustress

Man unterscheidet positiven (Eustress) von negativem Stress (Disstress). Ersterer entsteht als Reaktion auf Stressoren, die unseren Organismus zwar beanspruchen, aber förderlich wirken. Wir werden zum Beispiel aufmerksamer und leistungsfähiger. Wikipedia beschreibt folgende Eustress-Situation:

„Eustress trete demnach beispielsweise dann auf, wenn wir zu bestimmten Leistungen motiviert seien und Zeit und Möglichkeiten hätten, uns darauf vorzubereiten. Oder wenn wir eine Krisensituation oder Krankheit positiv angegangen seien, bewältigt und überwunden hätten.“

Im Ergebnis dessen könnten wir sogar Glücksmomente empfinden. Eustress wirke sich demnach auch bei häufigem, längerfristigem Auftreten positiv auf die psychische oder physische Funktionsfähigkeit unseres Organismus aus.

Stress würden wir erst dann negativ empfinden, wenn er oft oder auf Dauer auftrete und körperlich und/oder psychisch nicht zu kompensieren sei. Er wirke dann unangenehm, bedrohlich oder überfordernd. Beispiele seien anstehende Klausuren ohne Zeit oder Fähigkeit zum Lernen, eine trotz Ärztebesuch unklare Diagnose oder eine nicht anerkannte Erkrankung sowie eine wegen Lärms unerträgliche Wohnung ohne die Möglichkeit zum Umzug.

Wirkung von Eustress vs. Disstress

Infolge von Disstress erhöht sich die Anspannung unseres Körpers. Wir schütten Neurotransmitter und Hormone aus, darunter Adrenalin und Noradrenalin, und unsere Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit nehmen unter dauerhaftem Disstress ab. Wichtig: Disstress schadet unserem Organismus dann, wenn die Beanspruchung über den Bereich der gemäß unserer individuellen Physis und Psyche möglichen Anpassung und Reparaturfunktionen hinaus erfolgt. Dann führt Stress zur Beeinträchtigung des Stoffwechsels. Er behindert damit die natürlichen Reaktionen unseres Immunsystems auf Einwirkungen aller Art.

Die Liste möglicher Reaktionen auf Stress ist lang, dennoch gehört sie, zumindest ihre Schwerpunkte bei Erwachsenen, hierher:

  • Gehirn: Abbau von Gehirnmasse, Einschränkung der Emotionalität, Durchblutungsstörungen im Gehirn,
  • Gefühle: Traurigkeit, Verlustangst, Ärger, Schuld, Vorwürfe, Angst, Verlassenheit, Müdigkeit, Hilflosigkeit, „Schock“, Jammern, Taubheit, Leere, Hoffnungslosigkeit, Deprivation, Demütigung, Steigerung des aggressiven Verhaltens, Bewegungsdrang, Gereiztheit, emotionsloses Denken,
  • Kognition: Ungläubigkeit, Verwirrung, Vorurteile, Konzentration, Halluzinationen, Depersonalisation, Vergesslichkeit,
  • körperlich: Schwitzen, Übelkeit, Enge in Kehle und Brust, Übersensibilität bei Lärm, Atemlosigkeit, Muskelschwäche, Verspannung von Muskeln, Mangel an Energie, trockener Mund, Magen- und Darmprobleme, zeitbedingte Impotenz, Haarausfall, schlechtes Hautbild, rötliche Augen, verminderte Mimik, Herzstechen, Hörsturz, Gelenkschmerzen, Hautausschlag, Schwächung des Immunsystems, Magnesium- und Kalziummangel, langfristige Störung des Verdauungsprozesses sowie erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt
  • Verhalten: Verminderte Kreativität, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Geistesabwesenheit, sozialer Rückzug, Träume über das Ereignis, Vermeidung von Nähe zu Tatort oder ähnlichen Situationen, Seufzen, Aktivismus, Weinen, Hüten von „Schätzen“.

Was ist digitaler Stress?

Der Auslöser digitalen Stresses ist die Digitalität. Klingt zu abstrakt? Dann schreibe ich statt Digitalität digitale Welt. Und meine damit digitale Informations- und Kommunikationstechnologien, ausgelegt als Software und Hardware. Professor Dr. Leonard Reinecke hat Digitalen Stress im Denkraum für Soziale Marktwirtschaft definiert: Demnach brächten neue Informations- und Kommunikationstechnologien sicherlich „ein großes Maß an Bereicherung und Autonomie“ mit sich. Mindestens im gleichen Maße würde davon jedoch unser Handlungsspielraum eingeschränkt. Die ständige Erreichbarkeit bedeute, dass wir immer stärker mit Informations- und Kommunikationsanforderungen konfrontiert seien. Das Ergebnis sei digitaler Stress. Er entstehe zum einen infolge der Menge an Informationen, die wir mit digitalen Technologien bekämen. Zum Beispiel, wenn mehr Nachrichten auf uns hereinprasseln, als wir verarbeiten können. Oder wenn wir mehrere Medien gleichzeitig nutzen. Zum anderen gebe es psychologische Mechanismen wie sozialer Druck und die Erwartung, eingetroffene Nachrichten sofort zu beantworten, sowie die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen, sobald man das Smartphone nicht ständig im Blick behalte. Professor Reinecke sagt: „Unsere Forschung zeigt auch, dass sich digitaler Stress negativ auf die Gesundheit auswirkt und das Risiko von Depressionen und Burnout erhöhen kann.“

Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass Forscher des Bonner „Menthal Balance“-Projekts, die via eine App das Verhalten von 60.000 Smartphone-Nutzern beobachten, bereits herausgefunden hätten, dass jeder Nutzer pro Tag im Schnitt 88-mal das Smartphone einschalte, davon 35-mal, um die Uhrzeit zu checken oder nach neuen Nachrichten zu schauen. 53 Mal werde das Smartphone zum Surfen, Chatten oder um eine andere App zu nutzen, eingeschaltet. Alle 18 Minuten unterbrachen die freiwilligen Probanden der Studie ihre Tätigkeit, um online zu sein.

Der Ärztin und Stressexpertin Dr. Sabine Schonert-Hirz zufolge bedeute jedes einzelne der 88 Male für unser Gehirn, dass ein neues neuronales Netzwerk angesteuert und aktiviert werde. Jedes Mal werde Energie in Form von Glukose (Einfachzucker) verbraucht, würden Botenstoffe benötigt, würden kleine elektrische Impulse erzeugt. Ein aufwendiges Geschehen, das fehleranfällig sei und uns erschöpfe. Digitaler Stress mache uns demnach fehleranfällig: Werde das Gehirn ständig aus der gerade laufenden Informationsverarbeitung, dem Denken, gerissen, gehe ein Teil der Netzwerkaktivierung, sprich: der Inhalte, verloren. Ständige „digitale Unterbrechungen“ machten uns vergesslich, wir könnten nicht mehr alles in Ruhe durchdenken. Dadurch komme es zu schlechten Entscheidungen oder unkreativen Lösungen. Gleichzeitig würden wir unseren Stresspegel erhöhen, immer nervöser und unkonzentrierter werden. Manche entwickeln laut Dr. Schonert-Hirz regelrechtes Suchtverhalten und bekämen Angst, wenn sie nicht ständig auf das Smartphone schauten.

Und nicht nur das: Gute Arbeit, so die Stressexpertin, brauche Denktiefe. Neue Produkte und gute Ideen bräuchten demnach kreative Prozesse, die nur dann optimal liefen, wenn die Suchmaschinen unseres Gehirns Zeit hätten, im letzten Winkel unserer Hirnrinde eine Information zu finden, die das Problem endlich gut löst: Wir bräuchten eben nicht nur die für unseren digitalen Lifestyle typische schnelle digitale Kommunikation, die durchaus Zeit spare und uns rasch mit allen nötigen Infos versorge, sondern auch ruhige, ungestörte Denkzeiten.

Digitaler Stress – ein Suchtauslöser?

Dass wir heute kaum die Finger vom Smartphone lassen können, sehen die einen als Zeichen einer Sucht, während andere gegen diese These angehen. Bert te Wildt ist der Leiter der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bochum. Er argumentiert im Spiegel, dass das Handy ein kleiner Computer sei, den wir immer bei uns trügen. Und deshalb ließen sich die Ergebnisse aus der Internetsuchtforschung größtenteils auf das Smartphone übertragen. Der Experte gehe laut dem Spiegel davon aus, dass beim Scrollen über den Handyscreen die gleichen Stoffwechselvorgänge im Gehirn aktiviert würden wie bei Drogensüchtigen: „Die ständige Kommunikation mit Freunden oder Arbeitskollegen über soziale Medien wie Facebook scheine dabei das größte Suchtpotenzial auszumachen. Denn dort erhalten wir Aufmerksamkeit und Anerkennung“, sagte te Wildt.

Fazit:

Dem Diktat des digitalen Lifestyles kann sich kaum ein Zeitgenosse entziehen. Nicht der, der Politik macht, und nicht der, in dessen Auftrag Politik gemacht wird. Wenn digitaler Stress aufkommt, dann resultieren daraus immense Folgen, die das Denken und Handeln des Betroffenen wie beschrieben maßgeblich beeinflussen. Doch während Fehlentscheidungen, die in digital initiierten Stresssituationen getroffen werden, dem Otto-Normal-Bürger wegen geringerer politischer Schwere noch verziehen werden, sind sie in der großen Politik in der Regel unverzeihlich.

Als Politologin sehe ich einen Politiker als Menschen. Ein Mensch, der Privatsphäre braucht wie du und ich. Zum Auftanken der geleerten Batterien. Zum Leben und Lieben. Zum Lachen und Weinen. Zum Verzweifeln und Hoffen. Zum Trauern und Träumen. Die digitale Allgegenwärtigkeit nimmt Menschen, die wie Politiker unter öffentlicher Beobachtung stehen, viele Gelegenheiten dazu. Das bleibt nicht folgenlos.

Ein digital gestresster Politiker gerät mit seiner Fehlentscheidung heute in einen mir teuflischer anmutenden Kreis als ein Otto-Normal-Bürger. Denn Digitalität bedeutet nicht nur ständige Erreichbarkeit für Belange des auszufüllenden politischen Amtes, sondern auch ständige Sichtbarkeit. Nichts bleibt heute ungesehen: Kein Dösen in der stundenlangen Bundestagssitzung, keine Meinungsäußerung am Rednerpult oder zwischen Tür und Angel des Plenarsaals, kein Post im Facebook-Profil und kein dem Nachbarn dahingeworfener Satz auf dem Weg zur Mülltonne. Ein Politiker steht heute nicht mehr nur im Fokus der Medienkameras, sondern jedes Smartphonebesitzers, der ihn als Politiker erkennt und sein Reden und Tun in Wortlaut, O-Ton und Bild (bewegt der unbewegt) festhält und der Öffentlichkeit zuträgt. Jedes Wort bekommt politisches Gewicht, ganz gleich, ob lange durchdacht oder unbedacht gesagt.

Ich will hier nicht darüber schreiben, dass das politische Amt ein selbstgewähltes Schicksal ist. Vielmehr will ich auf die Seite der Digitalität hinweisen, die jeden zum Sender und Empfänger von Information im weitesten Sinn und politischer Information im engsten macht. Sie erhöht damit die Teilhabe aller am politischen Geschehen. Großartig! Zugleich trägt sie so jedoch zur Steigerung von digitalem Stress bei. Denn sie nimmt uns allen, insbesondere aber den Entscheidern, Gelegenheiten, zu denken. Nachzudenken. Und in Ruhe zu entscheiden.

Nun möchte ich keineswegs die Zeit ins Analoge zurückdrehen. Nein, dafür bin ich viel zu sehr eine digitale Woman. Doch ich will Wege aufzeigen, aus dem digitalen Stress herauszukommen. Darum geht es im kommenden Artikel um das „Rushing Woman Syndrom“ im Allgemeinen und dessen digitale Ursachen im Besonderen. Seid gespannt auf mein Interview mit Dr. Libby Weaver aus Australien zum Thema, die mir den einen und anderen Tipp mit auf den Weg aus dem digitalen Stress gegeben hat.

Blaetter2

Counter Strike lernt lieben

Von Benjamin Kloiber

Hass im Netz. Fake News. Lügen. Hetze. Wenn ich an Online-Foren denke, schwirren mir diese Schlagwörter als erstes durch den Kopf. Ein Online-Forum scheint demnach kein geeigneter Platz zu sein, wo man seine Kinder zum Spielen hinschickt. Derselben Logik nach ist eine Online-Community kein guter Umgang für Kinder.

Junger Gamer wird gedisst

Umso berührender fand ich die Geschichte über einen 17-jährigen Burschen, die ich neulich in der Welt las: Der junge Adam, ist von Geburt an körperlich eingeschränkt. Ihm fehlen Nase und einige Zähne. Er kann nicht deutlich sprechen und sieht schlecht. Seine Leidenschaft „Counter Strike“ teilt er mit vielen Jugendlichen seines Alters. Bei diesem Ego-Shooter bekriegen sich Teams online bis zum letzten digitalen Blutstropfen.

Während des Spiels wird per Mikrofon und Chat miteinander kommuniziert. Adam informierte seine Mitspieler stets vorab über seine Einschränkungen. Zumeist verlief dies problemfrei. Einmal hingegen wurde er beleidigt und aus der Spielrunde entfernt. Wütend riss sich Adam das Headset vom Kopf und schaltete den Bildschirm aus.

Aber damit war die Geschichte nicht vorbei. Adam ist Streamer. Er filmt seine Spiele und einige Leute sahen ihm zum Zeitpunkt seines Rauswurfs zu. Einer von ihnen wurde aktiv. Er postete das Geschehene in einem Online-Forum, um damit die Counter Strike-Community zu erreichen.

Was ist das für eine Community?

Die Leute sind zumeist jung und männlich. Höfliche Umgangsformen können während dem Spiel vereinzelt vorkommen, doch Mobbing und Beschimpfungen haben dort ebenso ihren Platz. Was Adam betrifft, zeigten sich seine Mitspieler damals von ihrer schlechtesten Seite. Doch wie die Counter Strike-Community auf den Forumsbeitrag reagierte, war schlicht großartig.

Seine zehn bis zwanzig Zuschauer wurden zu Tausenden. Geldspenden sind für Streamer nichts Ungewöhnliches. Schließlich brauchen sie für gute Videos entsprechend gutes Equipment. Und seine tausenden Zuschauer spendeten ihm tausende Dollar. Diese will er nicht nur in besseres Material investieren, sondern auch in chirurgische Eingriffe. Sogar ein professionelles Counter Strike-Team kontaktierte Adam, um ihm ins Team aufzunehmen. Für Adam ein tolles Happy End.

Was ist da passiert?

Adam wurde per Abstimmung von all seinen Mitspielern aus dem Game entfernt. Tage später ist er um mehrere tausend Dollar reicher, während die Spieler, die ihn mobbten, eine Sperre aufgebrummt bekamen. Ein und dieselbe Community zeigte binnen kürzester Zeit ihr hässlichstes und schönstes Gesicht.

Adam hatte in der einen Partie Pech. Er spielte mit Leuten, deren Verständnis für den eingeschränkten Mitspieler weniger wog als der Ärger über dessen undeutliche Aussprache. Adam wurde ausgeschlossen. Die Gruppe stellte sich gegen ihn. Dann war es eine Person, die sich ein Herz nahm und den Vorfall dokumentierte. Und dessen Forumsbeitrag produzierte ein lautes Echo. Das Pendel schwang um. Plötzlich stand Adam innerhalb des Kreises und seine unfairen Kontrahenten waren im Abseits.

Doch weder der unschöne Vorfall noch die großartige Reaktion repräsentieren die Counter Strike-Community. So wie das mit den Online-Communitys nun mal ist, melden sich jene zu Wort, die das gerade wollen. An einem Tag wollten Adams Mitspieler ihn geschlossen diskriminieren. An einem anderen Tag wollten andere Gamer ihre Solidarität mit Adam bekunden.

Man stelle sich vor, Adam hätte zum Zeitpunkt seines Rauswurfs nicht gestreamt. Man stelle sich vor, dieser eine Zuschauer hätte den Vorfall nicht gepostet. Die Counter Strike-Community hätte nicht ihr schönstes Gesicht zeigen können.

Kopf-Bluete

I’m a Digital Woman by heart!

Von Doreen Brumme

So. Nun ist es raus. Ich habe mich als Digital Woman geoutet. Und nicht nur das: Ich gebe zu, ich bin herzlich gerne eine sogenannte digitale Frau. Warum ich das bin und was mein Outing mit dem Blog Demokratie 4.0 zu tun hat, das erkläre ich euch im Folgenden.

Hier schreibt eine digital woman on the blog

Das Attribut digital, das ich dem Wort Frau zugeordnet habe, kennzeichnet eine Facette der Rolle, die ich in unserer Gesellschaft erfülle. Es zeigt, dass ich Teil der digitalen Welt bin, weil ich digital lebe. In meinem Fall heißt das konkret: Ich bin Sender und Empfänger digitaler Informationen. Ich habe von mir bezahlbaren Zugang zu digitalen Endgeräten wie Smartphone, Tablet, Laptop, TV, Radio & Spielekonsolen. Ich eigne mir Tag für Tag Wissen im Umgang mit Hard- und Software an und sammle meine Erfahrungen damit.

Ich benutze die digitale Welt zu unterschiedlichen Zwecken: Allen Voran zum Geldverdienen. Aber ich gehe ins Netz auch zur Unterhaltung und zur Entspannung (Stichwort: well-net). Ich verbringe demnach täglich viele Stunden in der digitalen Welt, also online, die meisten davon des Geldverdienens wegen.

Als Großteils Onlinejournalistin und Bloggerin hier und anderswo im Netz bin ich jemand, der zu den Dingen unserer Welt, die längst digital ist, Stellung bezieht. Ich zeige damit, wo ich stehe, welchen Standpunkt ich einnehme. Das ist möglich, weil ich Teil einer Demokratie bin, in der freie Meinungsäußerung zu den höchsten Gütern zählt. Auch unsere Demokratie ist eine zunehmend digitale Sache. Nicht ohne Grund heißt dieser Blog Demokratie 4.0. Demokratie ist eine Sache, die es inzwischen analog wie digital mit Inhalt zu füllen gilt. Die es analog wie digital zu reflektieren und zu diskutieren gilt. Und die es analog wie digital zu erhalten gilt. Von jedem von uns, der dank und mit ihr ein Zuhause hat.

Ich würde deshalb gerne diesen Blog nutzen, um mit euch, Frauen wie Männern, über die Rolle der digitalen Frau im Speziellen – und damit über die Rolle von Frau und Mann in der digitalen Welt – zu diskutieren. Es geht mir dabei unter anderem um Themen wie diese:

  • Digital Divided – wo verläuft die digitale Kluft in der Welt?
  • Demokratie 4.0 – ein Stoff zum Lernen?
  • Facebook & Co. – sind Social Media digitale Mittel zur Selbstbefreiung der Frau?
  • Digitales Leben – wird es mit Digitalität demokratischer?
  • Digitale Sucht – wo beginnt sie?
  • Rushing Woman Syndrom – ist es die Kehrseite der auch digital „befreiten“ Frau?
  • Digitale Mutter – was ist digitale Kompetenz und wie viel davon gebe ich an meine Kinder weiter?

Seid Ihr dabei? Dann will ich zum Einstieg in die kommenden Diskussionen mit dem Thema „Digital Divide“ den aktuellen Status quo in Sachen Internetnutzung weltweit im Allgemeinen und Internetnutzung von Mann und Frau weltweit im Speziellen auf den Blog heben.

Unsere Welt ist digital divided

Mit dem Begriff, der sich mit „digitaler Kluft oder Spaltung“ ins Deutsche übersetzen lässt, wird der ungleiche Zugang verschiedener Bevölkerungsgruppen zu den Informations- und Kommunikationstechnologien beschrieben, der auf den unterschiedlichsten Ebenen auszumachen ist.

Digital Divide auf globaler Ebene

Global betrachtet, gibt es eine solche digitale Kluft zwischen den Industrienationen und den sogenannten Entwicklungsländern. Den Unterschied macht hier einerseits der fehlende Zugang zu den Technologien.

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Quelle: Tortendiagramm von hier: http://www.internetworldstats.com/stats.htm

Folgende Zahlen dazu habe ich im Netz gefunden: Mehr als die Hälfte der Menschen weltweit sei ohne Internetzugang. Das ist das Ergebnis eines von UNESCO und ITU (Internationale Fernmeldeunion in Genf) – der Breitbandkommission für digitale Entwicklung 2016 – veröffentlichten Breitbandberichts 2016. In 91 Ländern weltweit seien demzufolge über 50 Prozent der Bevölkerung online, Tendenz steigend. Die Länder, in denen die meisten Haushalte mit dem Internet verbunden seien, lägen demnach Großteils in Europa. Eine Ausnahme bilde Südkorea als Spitze des Länderranking mit 98,8 Prozent. Es folgten Luxemburg mit 96,8 Prozent, Norwegen mit 96,6 Prozent und Island mit 96,6 Prozent. Deutschland liege mit 90,3 Prozent auf Rang 13. Die niedrigsten Internetnutzungsraten ließen sich laut dem Bericht in Subsahara-Afrika finden. In zahlreichen Ländern würden weniger als drei Prozent der Bevölkerung das Internet nutzen, darunter Tschad (2,7 Prozent), Sierra Leone (2,5 Prozent), Niger (2,2 Prozent), Somalia (1,8 Prozent) und Eritrea (1,1 Prozent).

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Quelle: http://www.itu.int/en/ITU-D/Statistics/Documents/facts/ICTFactsFigures2016.pdf

Die fehlende Verfügbarkeit von für die Internetnutzer relevanten Inhalten macht andererseits den Unterschied aus. Das heißt zum Beispiel, dass Inhalte nicht in der Muttersprache der Nutzer verfügbar sind. Die Kluft resultiert aber auch aus dem Mangel  an Medienbildung, die Voraussetzung dafür ist, dass man bestehende digitale Möglichkeiten überhaupt adäquat nutzen kann.

Digital Divide auf sozialen und regionalen Ebenen

Neben der beschriebenen globalen digitalen Kluft, lassen sich weitere ausmachen, darunter auf

  • sozialer und regionaler Ebene
  • sowie in Bezug auf das Alter und des Geschlechts

Ganz wichtig ist mir, die digitale Kluft nicht nur als ein statisches Ergebnis der Digitalisierung unserer Welt zu betrachten, sondern auch als Ursache fortschreitender Spaltung: Sie führt schließlich zur Vergrößerung bereits bestehender Unterschiede zwischen wirtschaftlich besser gestellten Bevölkerungsgruppen, die in der Tendenz auch einen höheren Bildungsabschluss haben und solchen, die wirtschaftlich schwächer gestellt sind und tendenziell auch einen schlechteren Zugang zu Bildung haben.

Greifen wir uns mal die geschlechtsspezifische Kluft heraus: Das Statistik-Portal statista.de zeigt folgende aktuelle Zahlen für Deutschland:

Internetnutzer nach Geschlecht

Internetnutzer nach Geschlecht für Deutschland

Demnach steigt die Zahl der männlichen wie weiblichen Internetnutzer hierzulande seit Jahren in nahezu einträchtiger Parallelität. Doch wie sieht das in Ländern aus, wo Frauen (noch) nicht die Freiheiten genießen wie wir hier in der demokratischen Bundesrepublik Deutschland?

Dazu schreibt der Breitbandbericht, dass in allen untersuchten Ländern mehr Männer Zugang zum Internet hätten als Frauen. Besonders in Afrika, der arabischen Welt, Asien und den pazifischen Ländern würden demnach weniger Frauen auf Internetressourcen zugreifen, aber auch in Europa lägen die Raten mit 76,3 Prozent bei den Frauen und 82 Prozent bei der männlichen Bevölkerung deutlich auseinander.

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Damit haben wir einen Eindruck davon gewonnen, wie sie so ist – unsere schöne, neue, digitale Welt. Zerklüftet und gespalten, wohin man schaut. Lasst uns nach und nach gemeinsam ergründen, was die Ursachen dafür sind, wie sich die eine oder andere Kluft schließen ließe und was das für die Rolle von digital women hieße.

Ich freue mich auf unseren Austausch!

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Demokratie 4.0 wagen! – Plädoyer für professionelle Online-Politik.

Von Frank Freimuth

Wir sind Online

Haben Sie heute schon gegoogelt? Ihren Facebook Account genutzt? Getwittert? Geskyped? Emails erhalten? Apps genutzt? Mit anderen Worten: Waren Sie heute schon online? Denken Sie jetzt: „Na klar“?

Dann sind Sie sicher in bester Gesellschaft. Fakt ist: Wir haben unseren Alltag und unsere Gewohnheiten in den letzten Jahren durch das Internet fundamental geändert. Knapp 80% der Deutschen sind online. Und wir nutzen das Internet immer intensiver und flexibler: 44,5 Millionen Deutsche (63%) sind täglich online und 30,7 Millionen (55%) greifen von unterwegs auf Netzinhalte zu.[1] Kurzum: Wir sind online.

Veränderte Wahrnehmung von Staat und Politik

Kein Wunder, dass die Veränderungen unserer Informations- und Kommunikationsgewohnheiten auch unseren Umgang mit Staat und Politik grundlegend verändert haben. Unsere Wahrnehmung der Politik ist zunehmend durch die digitalen Medien geprägt. Noch nie konnten wir uns so einfach Informationen über die Politik besorgen und Meinungen austauschen. Und zwar weltweit. Unsere politische Willensbildung vollzieht sich mehr und mehr im Internet und es ist sonnenklar: Wenn sie zukunftsfähig sein wollen, müssen sich Politik und Staat durch modernste Informations- und Kommunikationstechnik mit uns verknüpfen, die Möglichkeiten der Digitalisierung professionell nutzen und ihre Kommunikation grundlegend verändern. Mit anderen Worten: Wir brauchen Demokratie 4.0! Wie aber ist die Realität?

Städte und Kommunen brauchen professionelle Online-basierte Dienstleistungen

Jeder, der Behördengänge hinter sich bringt, macht die Erfahrung: Mit der Digitalisierung ist es leider bisher bei uns noch nicht besonders weit her. Freundlich formuliert, sind die Möglichkeiten der Bürger mit dem Staat in Kontakt zu treten längst noch nicht ausgeschöpft. Das zeigt auch der Vergleich mit anderen Staaten. Mit Blick auf die Zahl der Bürgerinnen und Bürger, die mit staatlichen Stellen über das Internet agieren, sind wir nach europäischem Maßstab bloßes Mittelmaß. Bei uns treten heute ganze 53% der Einwohner online mit staatlichen Stellen in Kontakt. Damit liegen wir weit hinter Dänemark (88%), Norwegen (81%), Estland (81%) und Finnland (80%) zurück. Auch Länder wie Österreich, Frankreich, Luxemburg, Schweden oder die Niederlande liegen vor uns[2]. Über die Qualität des Angebots ist damit natürlich überhaupt noch nichts gesagt. Aber Beispiele wie Estland zeigen den richtigen Weg. Hier werden online zahlreiche bürokratische Hürden überwunden, Einkommensteuern unbürokratisch gemacht, Geschäfte unkompliziert angemeldet oder auch Wahlen durchgeführt. Bereits der kurze Blick über den Tellerrand macht deutlich: Wenn wir weiter mit der internationalen Entwicklung Schritt halten wollen, dann besteht bei uns erheblicher Nachholbedarf. Mehr noch – eine moderne Demokratie gehört an die Spitze der Entwicklung. Speziell unsere Städte und Kommunen mit ihren Unternehmen hinken beim Thema Digitalisierung weit hinterher. Demokratie 4.0 setzt voraus, dass sie zeitnah in die Lage versetzt werden, an die technologische Entwicklung Anschluss zu halten und professionelle online-basierte Dienstleistungen anzubieten. Dabei denke ich speziell auch an neue Formen des Bürokratieabbaus und der Bürgerbeteiligung, denn die vielzitierte Politik- bzw. Staatsverdrossenheit stellt sich bei genauerem Hinsehen häufig als eine Behördenverdrossenheit heraus.

Aber nicht nur unsere staatlichen Einrichtungen haben bei der Digitalisierung dringenden Aufholbedarf. Das Gleiche trifft auch für die etablierte Parteipolitik zu.

Politische Parteien brauchen professionelle Online-Kommunikation

Unsere Verfassung verpflichtet die Parteien bei der politischen Willensbildung des Volkes mitzuwirken.[3] Wie aber sieht das im Online-Zeitalter faktisch aus? Erfüllen Sie diesen Anspruch noch ausreichend?

Wenn sich die etablierten Parteien heute digital engagieren, machen sie es oft semiprofessionell. Das Ausmaß der Defizite zeigt sich unter anderem in den sozialen Netzwerken. Werfen wir beispielsweise einen Blick auf Facebook: Hier sprechen die Anzahl der „Gefällt mir“-Angaben, die als wichtiger Gradmesser gelten, eine deutliche Sprache[4]: Die „Alternative für Deutschland“ zieht hier mehr „Likes“ auf sich, als die Parteien, die den Anspruch verfolgen, Volksparteien zu sein – also als CDU und SPD zusammen. Der Erfolg der AfD auf Facebook wird durch ein aktuelles gesellschaftliches Klima begünstigt, das man als „Verbitterungskultur“ beschreiben kann. Mit ihren Online-Aktivitäten greift die AfD speziell Ängste derjenigen auf, die sich von der gesellschaftlichen Entwicklung ausgegrenzt und von der etablierten Politik nicht mehr vertreten fühlen. Es kommt also nicht von ungefähr, dass die sozialen Medien von Hass- und Hetzpostings geflutet und häufig demokratische Grundregeln missachtet werden. Hier zeigt sich, dass die AfD nicht seriös an der politischen Willensbildung mitwirkt, sondern gezielt Vorurteile aufgreift und gezielt kanalisiert. Man sollte aber nicht übersehen, dass der Erfolg der AfD auch das Resultat einer ausgefeilten Online-Strategie ist, in der es darum geht, Stimmungen im Netz aufzuspüren und politisch nutzbar zu machen. Hinzu kommt der „direkte Draht“ der „Social-Media-Strategen“ zur Parteiführung, die das nutzen kann, um Wählerstimmen zu gewinnen. Seriöse Politik steht vor der ernstzunehmenden Bewährungsprobe, diejenigen, die sich gesellschaftlich ausgegrenzt fühlen, nicht dem unreflektierten Populismus zu überlassen, sondern Vertrauen in die Demokratie zurückzugewinnen. Die richtige Antwort ist also nicht Arroganz der Macht, sondern mehr Demokratie. Hierfür spielen die Online-Medien eine zentrale Rolle.

Die etablierten Parteien tragen dem heute allerdings nicht professionell und wirkungsvoll Rechnung. Zu einem Teil ist das darauf zurückzuführen, dass der Stellenwert der Digitalisierung für die politische Willensbildung über weite Strecken immer noch nicht ausreichend erkannt, geschweige denn, die richtigen Konsequenzen gezogen worden sind. Es reicht heute nicht mehr, sich vor allem mit Webseiten zu präsentieren, die nur von wenigen Internetnutzern direkt angesteuert werden oder nur halbherzig die verschiedenen Social-Media-Kanäle wie Facebook, Twitter, Instagram, Google+, oder YouTube zu nutzen. Ebenso wenig reicht es aus, seine Online-Aktivitäten bloß in Wahlkämpfen zu verstärken.

Natürlich gibt es im Hinblick auf Demokratie 4.0 positive Beispiele, etwa einige Abgeordnete und Minister. Unter dem Strich hat es die etablierte Parteipolitik aber noch nicht einmal ansatzweise geschafft, den Onlineraum zu nutzen. Um es klar zu sagen: Gemessen an den Möglichkeiten des Netzes sind die Auftritte der Parteien zwergenhaft und erfüllen nicht den Anspruch, den das Grundgesetz an sie formuliert. Das birgt Gefahren für unsere Demokratie. Im Zeitalter der Digitalisierung müssen die etablierten Parteien ihren verfassungsmäßigen Auftrag bei der politischen Willensbildung des Volkes mitzuwirken ernstnehmen, anders interpretieren, sich neu ausrichten und Online-Kommunikation professionell umsetzen. Wer diesen Weg nicht konsequent beschreitet, ist nicht zukunftsfähig.

Mehr Demokratie wagen!

Es ist höchste Zeit für die Transformation der Politik ins Onlinezeitalter. Speziell geht es heute darum, die positiven Möglichkeiten des Netzes für Demokratisierungsprozesse auszuschöpfen.

So müssen wir uns heute – trotz bestehender rechtlicher Bedenken – die Frage stellen, ob Online-Wahlen nicht auch bei uns zeitnah ermöglicht werden müssen. Immerhin stehen mehr als 60% der Deutschen dieser Idee positiv gegenüber und 41% der Nichtwähler sagen einer Forsa-Studie zufolge, sie würden ihre Stimme abgeben, wenn es die Möglichkeit gäbe, online zu wählen[5]. Um den größer werdenden Graben zwischen Parteipolitik und Bürgern zu überbrücken, ist es außerdem höchste Eisenbahn, Formen der Online-Bürgerbeteiligung zu kreieren, die echte Beteiligungsmöglichkeiten schaffen. So sollten z.B. Bürger online dauerhaft in die politischen Fragen zur Gestaltung ihrer Kommune einbezogen werden.

Denken sollte man auch an die fast unerschöpflichen Möglichkeiten für politische Mandatsträger, der Politikverdrossenheit entgegenzuwirken. Welche einfacheren Wege gibt es z.B. für Abgeordnete mit den Wählerinnen und Wählern in ihrem Wahlkreis in einem kontinuierlichen Austausch zu bleiben als über die sozialen Netzwerke? Welche einfachere Möglichkeit gibt es für sie, regelmäßig über ihre Arbeit zu berichten oder mit den Delegierten ihrer Partei direkt in Verbindung zu bleiben?

Vor allem erforderlich ist aber eine neue, niveauvolle demokratische Diskussionskultur. Deshalb sind professionelle und zeitgemäße Formen der Beteiligung der Stakeholder am politischen Prozess ein zentrales Moment von Demokratie 4.0. Der „traditionelle Hinterzimmer-Lobbyismus“ hat inzwischen vollkommen ausgedient. Gefragt sind Offenheit, Transparenz, Professionalität und Effektivität. Natürlich ersetzt das Internet nicht den persönlichen Dialog. Durch die Möglichkeiten des Netzes können die Stakeholder des politischen Prozesses heute aber besser und effektiver als bisher Ihre Interessen transparent artikulieren, für Ihre Positionen werben, Ihre Interessen politisch adressieren und zu einer niveauvollen politischen Diskussionskultur beitragen.

Diese Entwicklung erhält aktuell dadurch starke zusätzliche Dynamik, dass bekanntlich die klassischen Medien einem rasanten Funktionsverlust unterliegen und die neuen politischen Massenmedien online entstehen. Erfahrungsgemäß[6] besonders wirkungsmächtig sind neue Massenmedien wie Internetplattformen und Blogs, die über zentrale gesellschaftspolitische Themen informieren, fundierte politische Meinungsbildungsprozesse ermöglichen und die Politik in die Lage versetzen, mit der steigenden Komplexität umzugehen. Hohe Wirkmacht hat auch die Herstellung von Transparenz in Gesetzgebungsverfahren[7]. Vor allem schaffen die neuen Massenmedien für viele Internetnutzer die Möglichkeit, sich eine qualifizierte Meinung zu zentralen politischen Themenfeldern zu bilden. Die Liste der Möglichkeiten wirkungsvoller Online-Politik lässt sich fast beliebig weiter verlängern.

Klar ist: Die technischen Möglichkeiten und das „Know-how“ für Demokratie 4.0 sind vorhanden. Jetzt geht es darum, das Motto „Mehr Demokratie wagen“ auf breiter Front ins Online-Zeitalter zu tragen. Deshalb: Ärmel aufkrempeln und anpacken. Es steht viel auf dem Spiel.

 

Autorennotiz:

Dr. Frank Freimuth ist Vordenker der Human Economy und Spezialist für nachhaltiges Wirtschaften. Eines seiner Unternehmen ist mit der Etablierung neuer Massenmedien und der Umsetzung politischer Onlinestrategien befasst.

[1] ARD/ZDF Onlinestudie: http://www.ard-zdf-onlinestudie.de

[2] siehe: http://de.statista.com/statistik/daten/studie/73560/umfrage/ineraktion-mit-staatlichen-behoerden-ueber-das-internet-im-laendervergleich/

[3] Art. 21 Grundgesetz: (1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.

[4] „Like“ Angaben auf Facebook: CDU (ca. 115.000), SPD (ca. 110.000), Die Grünen (ca. 112.000), FDP (ca. 49.000), Die Linke (ca. 143.000), Piraten (ca. 82.000) und Alternative für Deutschland (ca. 282.000).

[5] siehe: http://wahllos.de/klick-statt-kreuzchen-chancen-und-risiken/static,Onlinewahl_de.

[6] siehe hierzu z.B. den Wertstoffblog, der das Thema Recycling und Wertstoffe neu auf die Agenda der Bundesrepublik Deutschland setzt (www.wertstoffblog.de).

[7] Siehe hierzu z.B. „Wertstoffgesetz-Fakten.de“,. einer Informations-Plattform, auf der die Fakten zum in Deutschland geplanten Wertstoff- bzw. Verpackungsgesetz systematisch gesammelt, gebündelt und ausgetauscht werden