Die Kehrseite der Digitalität: Digitaler Stress (1)

Gras

Von Doreen Brumme

Wir setzen uns hier auf dem Blog mit Demokratie 4.0 auseinander. Dazu gehört auch, aufzuzeigen, welche Nebenwirkungen der digitale Lifestyle politischen Systemen bringt. Digital initiierter Stress ist so eine Nebenwirkung, der sich kaum einer erwehren kann: weder der gewählte politische Akteur, noch sein stimmgewaltiger Wähler. Grund genug, sich mit Stress im Allgemeinen und digitalem Stress im Besonderen zu beschäftigen. Was digitaler Stress ist, soll dieser erste Artikel dieser kleinen Reihe klären.

Was ist Stress?

Wir geraten unter Stress, wenn wir von inneren und äußeren Reizen oder Belastungen beansprucht werden. Die Beanspruchung ist nach dieser Stressdefinition also eine Auswirkung der Reize oder Belastungen. Wobei die Reize und Belastungen unterschiedlicher Natur sein können:

  • natürlich oder künstlich,
  • biotisch oder abiotisch
  • und physisch oder psychisch.

Wir empfinden die Reize und Belastungen positiv oder negativ. Ihre Wirkung hat entsprechende Vorzeichen. Unser Umgang damit, variiert von Mensch zu Mensch und ist abhängig von unseren individuellen Eigenschaften, darunter auch unserer Gesundheit, und unseren kognitiven Fähigkeiten. Und mögliche Reaktionen darauf sind:

  • Aggression,
  • Flucht,
  • Verhaltensalternativen,
  • Akzeptanz, Änderung von Konditionen
  • oder Leugnung der Situation.

Disstress und Eustress

Man unterscheidet positiven (Eustress) von negativem Stress (Disstress). Ersterer entsteht als Reaktion auf Stressoren, die unseren Organismus zwar beanspruchen, aber förderlich wirken. Wir werden zum Beispiel aufmerksamer und leistungsfähiger. Wikipedia beschreibt folgende Eustress-Situation:

„Eustress trete demnach beispielsweise dann auf, wenn wir zu bestimmten Leistungen motiviert seien und Zeit und Möglichkeiten hätten, uns darauf vorzubereiten. Oder wenn wir eine Krisensituation oder Krankheit positiv angegangen seien, bewältigt und überwunden hätten.“

Im Ergebnis dessen könnten wir sogar Glücksmomente empfinden. Eustress wirke sich demnach auch bei häufigem, längerfristigem Auftreten positiv auf die psychische oder physische Funktionsfähigkeit unseres Organismus aus.

Stress würden wir erst dann negativ empfinden, wenn er oft oder auf Dauer auftrete und körperlich und/oder psychisch nicht zu kompensieren sei. Er wirke dann unangenehm, bedrohlich oder überfordernd. Beispiele seien anstehende Klausuren ohne Zeit oder Fähigkeit zum Lernen, eine trotz Ärztebesuch unklare Diagnose oder eine nicht anerkannte Erkrankung sowie eine wegen Lärms unerträgliche Wohnung ohne die Möglichkeit zum Umzug.

Wirkung von Eustress vs. Disstress

Infolge von Disstress erhöht sich die Anspannung unseres Körpers. Wir schütten Neurotransmitter und Hormone aus, darunter Adrenalin und Noradrenalin, und unsere Aufmerksamkeit und Leistungsfähigkeit nehmen unter dauerhaftem Disstress ab. Wichtig: Disstress schadet unserem Organismus dann, wenn die Beanspruchung über den Bereich der gemäß unserer individuellen Physis und Psyche möglichen Anpassung und Reparaturfunktionen hinaus erfolgt. Dann führt Stress zur Beeinträchtigung des Stoffwechsels. Er behindert damit die natürlichen Reaktionen unseres Immunsystems auf Einwirkungen aller Art.

Die Liste möglicher Reaktionen auf Stress ist lang, dennoch gehört sie, zumindest ihre Schwerpunkte bei Erwachsenen, hierher:

  • Gehirn: Abbau von Gehirnmasse, Einschränkung der Emotionalität, Durchblutungsstörungen im Gehirn,
  • Gefühle: Traurigkeit, Verlustangst, Ärger, Schuld, Vorwürfe, Angst, Verlassenheit, Müdigkeit, Hilflosigkeit, „Schock“, Jammern, Taubheit, Leere, Hoffnungslosigkeit, Deprivation, Demütigung, Steigerung des aggressiven Verhaltens, Bewegungsdrang, Gereiztheit, emotionsloses Denken,
  • Kognition: Ungläubigkeit, Verwirrung, Vorurteile, Konzentration, Halluzinationen, Depersonalisation, Vergesslichkeit,
  • körperlich: Schwitzen, Übelkeit, Enge in Kehle und Brust, Übersensibilität bei Lärm, Atemlosigkeit, Muskelschwäche, Verspannung von Muskeln, Mangel an Energie, trockener Mund, Magen- und Darmprobleme, zeitbedingte Impotenz, Haarausfall, schlechtes Hautbild, rötliche Augen, verminderte Mimik, Herzstechen, Hörsturz, Gelenkschmerzen, Hautausschlag, Schwächung des Immunsystems, Magnesium- und Kalziummangel, langfristige Störung des Verdauungsprozesses sowie erhöhtes Risiko für Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt
  • Verhalten: Verminderte Kreativität, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Geistesabwesenheit, sozialer Rückzug, Träume über das Ereignis, Vermeidung von Nähe zu Tatort oder ähnlichen Situationen, Seufzen, Aktivismus, Weinen, Hüten von „Schätzen“.

Was ist digitaler Stress?

Der Auslöser digitalen Stresses ist die Digitalität. Klingt zu abstrakt? Dann schreibe ich statt Digitalität digitale Welt. Und meine damit digitale Informations- und Kommunikationstechnologien, ausgelegt als Software und Hardware. Professor Dr. Leonard Reinecke hat Digitalen Stress im Denkraum für Soziale Marktwirtschaft definiert: Demnach brächten neue Informations- und Kommunikationstechnologien sicherlich „ein großes Maß an Bereicherung und Autonomie“ mit sich. Mindestens im gleichen Maße würde davon jedoch unser Handlungsspielraum eingeschränkt. Die ständige Erreichbarkeit bedeute, dass wir immer stärker mit Informations- und Kommunikationsanforderungen konfrontiert seien. Das Ergebnis sei digitaler Stress. Er entstehe zum einen infolge der Menge an Informationen, die wir mit digitalen Technologien bekämen. Zum Beispiel, wenn mehr Nachrichten auf uns hereinprasseln, als wir verarbeiten können. Oder wenn wir mehrere Medien gleichzeitig nutzen. Zum anderen gebe es psychologische Mechanismen wie sozialer Druck und die Erwartung, eingetroffene Nachrichten sofort zu beantworten, sowie die Angst, etwas Wichtiges zu verpassen, sobald man das Smartphone nicht ständig im Blick behalte. Professor Reinecke sagt: „Unsere Forschung zeigt auch, dass sich digitaler Stress negativ auf die Gesundheit auswirkt und das Risiko von Depressionen und Burnout erhöhen kann.“

Die Süddeutsche Zeitung berichtet, dass Forscher des Bonner „Menthal Balance“-Projekts, die via eine App das Verhalten von 60.000 Smartphone-Nutzern beobachten, bereits herausgefunden hätten, dass jeder Nutzer pro Tag im Schnitt 88-mal das Smartphone einschalte, davon 35-mal, um die Uhrzeit zu checken oder nach neuen Nachrichten zu schauen. 53 Mal werde das Smartphone zum Surfen, Chatten oder um eine andere App zu nutzen, eingeschaltet. Alle 18 Minuten unterbrachen die freiwilligen Probanden der Studie ihre Tätigkeit, um online zu sein.

Der Ärztin und Stressexpertin Dr. Sabine Schonert-Hirz zufolge bedeute jedes einzelne der 88 Male für unser Gehirn, dass ein neues neuronales Netzwerk angesteuert und aktiviert werde. Jedes Mal werde Energie in Form von Glukose (Einfachzucker) verbraucht, würden Botenstoffe benötigt, würden kleine elektrische Impulse erzeugt. Ein aufwendiges Geschehen, das fehleranfällig sei und uns erschöpfe. Digitaler Stress mache uns demnach fehleranfällig: Werde das Gehirn ständig aus der gerade laufenden Informationsverarbeitung, dem Denken, gerissen, gehe ein Teil der Netzwerkaktivierung, sprich: der Inhalte, verloren. Ständige „digitale Unterbrechungen“ machten uns vergesslich, wir könnten nicht mehr alles in Ruhe durchdenken. Dadurch komme es zu schlechten Entscheidungen oder unkreativen Lösungen. Gleichzeitig würden wir unseren Stresspegel erhöhen, immer nervöser und unkonzentrierter werden. Manche entwickeln laut Dr. Schonert-Hirz regelrechtes Suchtverhalten und bekämen Angst, wenn sie nicht ständig auf das Smartphone schauten.

Und nicht nur das: Gute Arbeit, so die Stressexpertin, brauche Denktiefe. Neue Produkte und gute Ideen bräuchten demnach kreative Prozesse, die nur dann optimal liefen, wenn die Suchmaschinen unseres Gehirns Zeit hätten, im letzten Winkel unserer Hirnrinde eine Information zu finden, die das Problem endlich gut löst: Wir bräuchten eben nicht nur die für unseren digitalen Lifestyle typische schnelle digitale Kommunikation, die durchaus Zeit spare und uns rasch mit allen nötigen Infos versorge, sondern auch ruhige, ungestörte Denkzeiten.

Digitaler Stress – ein Suchtauslöser?

Dass wir heute kaum die Finger vom Smartphone lassen können, sehen die einen als Zeichen einer Sucht, während andere gegen diese These angehen. Bert te Wildt ist der Leiter der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Bochum. Er argumentiert im Spiegel, dass das Handy ein kleiner Computer sei, den wir immer bei uns trügen. Und deshalb ließen sich die Ergebnisse aus der Internetsuchtforschung größtenteils auf das Smartphone übertragen. Der Experte gehe laut dem Spiegel davon aus, dass beim Scrollen über den Handyscreen die gleichen Stoffwechselvorgänge im Gehirn aktiviert würden wie bei Drogensüchtigen: „Die ständige Kommunikation mit Freunden oder Arbeitskollegen über soziale Medien wie Facebook scheine dabei das größte Suchtpotenzial auszumachen. Denn dort erhalten wir Aufmerksamkeit und Anerkennung“, sagte te Wildt.

Fazit:

Dem Diktat des digitalen Lifestyles kann sich kaum ein Zeitgenosse entziehen. Nicht der, der Politik macht, und nicht der, in dessen Auftrag Politik gemacht wird. Wenn digitaler Stress aufkommt, dann resultieren daraus immense Folgen, die das Denken und Handeln des Betroffenen wie beschrieben maßgeblich beeinflussen. Doch während Fehlentscheidungen, die in digital initiierten Stresssituationen getroffen werden, dem Otto-Normal-Bürger wegen geringerer politischer Schwere noch verziehen werden, sind sie in der großen Politik in der Regel unverzeihlich.

Als Politologin sehe ich einen Politiker als Menschen. Ein Mensch, der Privatsphäre braucht wie du und ich. Zum Auftanken der geleerten Batterien. Zum Leben und Lieben. Zum Lachen und Weinen. Zum Verzweifeln und Hoffen. Zum Trauern und Träumen. Die digitale Allgegenwärtigkeit nimmt Menschen, die wie Politiker unter öffentlicher Beobachtung stehen, viele Gelegenheiten dazu. Das bleibt nicht folgenlos.

Ein digital gestresster Politiker gerät mit seiner Fehlentscheidung heute in einen mir teuflischer anmutenden Kreis als ein Otto-Normal-Bürger. Denn Digitalität bedeutet nicht nur ständige Erreichbarkeit für Belange des auszufüllenden politischen Amtes, sondern auch ständige Sichtbarkeit. Nichts bleibt heute ungesehen: Kein Dösen in der stundenlangen Bundestagssitzung, keine Meinungsäußerung am Rednerpult oder zwischen Tür und Angel des Plenarsaals, kein Post im Facebook-Profil und kein dem Nachbarn dahingeworfener Satz auf dem Weg zur Mülltonne. Ein Politiker steht heute nicht mehr nur im Fokus der Medienkameras, sondern jedes Smartphonebesitzers, der ihn als Politiker erkennt und sein Reden und Tun in Wortlaut, O-Ton und Bild (bewegt der unbewegt) festhält und der Öffentlichkeit zuträgt. Jedes Wort bekommt politisches Gewicht, ganz gleich, ob lange durchdacht oder unbedacht gesagt.

Ich will hier nicht darüber schreiben, dass das politische Amt ein selbstgewähltes Schicksal ist. Vielmehr will ich auf die Seite der Digitalität hinweisen, die jeden zum Sender und Empfänger von Information im weitesten Sinn und politischer Information im engsten macht. Sie erhöht damit die Teilhabe aller am politischen Geschehen. Großartig! Zugleich trägt sie so jedoch zur Steigerung von digitalem Stress bei. Denn sie nimmt uns allen, insbesondere aber den Entscheidern, Gelegenheiten, zu denken. Nachzudenken. Und in Ruhe zu entscheiden.

Nun möchte ich keineswegs die Zeit ins Analoge zurückdrehen. Nein, dafür bin ich viel zu sehr eine digitale Woman. Doch ich will Wege aufzeigen, aus dem digitalen Stress herauszukommen. Darum geht es im kommenden Artikel um das „Rushing Woman Syndrom“ im Allgemeinen und dessen digitale Ursachen im Besonderen. Seid gespannt auf mein Interview mit Dr. Libby Weaver aus Australien zum Thema, die mir den einen und anderen Tipp mit auf den Weg aus dem digitalen Stress gegeben hat.

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